Von Verschwörungstheorien, tatsächlichen Verschwörungen und dreister Volksverarschung

Man weiß aus der Geschichte, dass es im politischen Raum Verschwörungen gab, die später aufgedeckt und verfolgt wurden. Man darf vermuten, dass es Verschwörungen gab, die niemals als solche erkannt wurden. Und es gibt Fälle, wo man Verschwörungen vermutet, aber die Umstände oder gezielte Störmanöver eine Aufklärung verhindern. In solchen Fällen kann es notgedrungen nur "Theorien" zu einer Verschwörung geben, die sich vielleicht erst sehr viel später als wahr erweisen werden.

Zwei Beispiele aus der jüngeren Geschichte sollen das illustrieren:

Beim sogenannten "Tonking-Zwischenfall" im August 1964 im Golf von Tonking vor der Küste Nordvietnams sollten nordvietnamesische Schnellboote zwei US-amerikanische Kriegsschiffe mehrmals ohne Anlass und in internationalen Gewässern beschossen haben. Dieser "Vorfall" war der offizielle Anlass für die US-Regierung unter dem damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, dass sich die USA von 1965 bis 1973 direkt in den Vietnamkrieg einmischten. Seit den 1980er Jahren ist aufgrund von inzwischen zugänglichen US-Dokumenten erwiesen, dass die damalige US-Regierung den inszenierten Vorfall benutzte, um den seit 1963 geplanten direkten Kriegseintritt gegenüber der amerikanischen Bevölkerung durchzusetzen.

Am 5. Februar 2003 hielt damalige US-Außenminister und General a.D. Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat eine Rede und präsentierte angebliche Beweise, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besäße, die eine unmittelbare Bedrohung darstellen würden. Die US-Geheimdienste stützten sich dabei auf einen irakischen Überläufer in Deutschland, dessen Aussagen der Bundesnachrichtendienst (BND) bereits als unglaubwürdig eingestuft hatte. Die USA gaben sich aber als gutgläubig gegenüber dem Agenten "Curveball" und benutzen seine angeblich glaubhaften Aussagen, um gegenüber der Welt einen geplanten Angriffskrieg zu rechtfertigen.

Beide Beispiele zeigen, wie in der jüngeren Geschichte das amerikanische Volk bewusst belogen wurde, um es in einen völkerrechtswidrigen Krieg zu ziehen, den das Volk bei korrekter Information abgelehnt hätte. Eine solche Lügenkampagne darf man wohl zu Recht als eine Verschwörung bezeichnen.

Zwei andere Beispiele zeigen, dass es begründete Theorien zu vermuteten Verschwörungen gibt, die nach wie vor nicht aktenkundig als bewiesen gelten.

Am 7. Dezember 1941 griffen Japanische Marineluftstreitkräfte überraschend die US-Pazifik-Flotte im Hafen von Pearl Harbour an. Durch den Angriff wurde ein Großteil der amerikanischen Pazifikflotte ausgeschaltet. Die für den späteren Kriegsverlauf entscheidenden Flugzeugträger hatten jedoch kurz vor dem Angriff den Hafen verlassen. Die bis dahin größtenteils pazifistisch oder isolationistisch eingestellte US-Bevölkerung konnte dadurch für den Kriegseintritt gegen Japan mobilisiert werden. Eine weit verbreitete Verschwörungstheorie besagt, dass die US-Regierung durchaus rechtzeitig Erkenntnisse über einen japanischen Angriff besaß, die Flotte aber nicht warnte, um über die Opfer des Angriffs die US-Bevölkerung in Kriegsbereitschaft zu bringen. Hierzu gibt es viele Vermutungen und Theorien im Detail, die sich aber mangels echter Dokumente nicht als echte Verschwörung zur Erzeugung der Kriegsbereitschaft des amerikanischen Volkes beweisen lassen. Es wird also wahrscheinlich eine Verschwörung-Theorie bleiben.

Ein weiteres Beispiel für eine offene Verschwörungstheorie in den USA ist die Ermordung des damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963. Als Tatverdächtiger und angeblicher Einzeltäter wurde Lee Harvey Oswald verhaftet und zwei Tage später im Polizeigewahrsam erschossen. Die offiziell eingesetzte Kommission bestätigte die These vom angeblichen Einzeltäter; ein großer Teil der US-Bevölkerung ist jedoch eher davon überzeugt, dass es sich um eine Verschwörung der eigenen Geheimdienste und Spitzenmilitärs gegen den gewählten Präsidenten handelte. Eine Verschwörungstheorie, die wahrscheinlich Theorie bleiben wird.

In der Folge des Kennedy-Mordes wurde der Begriff "Verschwörungstheorie" geboren und für viele unsinnigen Behauptungen benutzt; z.B., dass die Mondlandung 20. Juli 1969 nicht real sondern nur ein Täuschungsmanöver gewesen sei. Noch sehr viel unsinnigere Behauptungen wurden mit der Bezeichnung "Verschwörungstheorie" versehen, um im allgemeinen Unsinn den Begriff selbst als Unsinn darzustellen.

Bleiben wir bei dem Begriff: Eine Theorie ist eine wohlbegründete Aussage, die sich grundsätzlich widerlegen oder beweisen lässt. Eine These oder eine Vermutung steht mehrere Schritte davor und verdient noch nicht, bereits als Theorie bezeichnet zu werden.

Eine Theorie zu einer vermuteten Verschwörung, die den Begriff "Theorie" rechtfertigt, sollte gut begründet sein. Eine einfache Behauptung oder ein Anfangsverdacht ist noch keine Theorie. Aber die geplante Begriffsverwirrung soll Sinn und Unsinn so vermengen, dass im künstlich geschaffenen Nebel nichts mehr erkennbar ist. Stattdessen sollen die offiziellen Darstellungen in den Main-Stream-Medien und den offiziellen regierungsamtlichen Verlautbarungen als die einzige Wahrheit erscheinen. Das wird im Normalfall auch meistens so sein. Aber wir wollen uns nicht für naiv verkaufen lassen: Zwischen Wahrheit und dreister Volksverarschung gibt es eine breite Grauzone.

Der Begriff "Lügenpresse" für die Main-Stream-Medien, die regierungskonforme Nachrichten verbreitet, ist bestimmt zu pauschal. Aber die abwertende Bezeichnung "Verschwörungstheorie" für jeden - gut oder gar nicht begründeten - Zweifel an regierungsamtlichen Verlautbarungen ist erst recht zu pauschal. Die Unterscheidung zwischen Lüge und Wahrheit ist für den normalen Bürger schwierig wie eh und je. Wirkliche Demokratie im echten Wortsinn als Volksherrschaft kann es nur geben, wenn die Bürger ihre eigene Interessenlage klar erkennen, zuvor aber zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden können. Der Weg hierzu ist anscheinend noch weit.

Klaus-Dieter Wolff
06.11.2020


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