Gedanken zum 1. September

In den letzten Monaten erlebten wir eine enorme Steigerung der Kalte-Kriegs-Propaganda: Russland und China werden uns von den etablierten Zeitungen und den öffentlich-rechtlichen Medien als bedrohliche Gefahren dargestellt, gegen die man sich militärisch rüsten und auch wirtschaftlich abschirmen müsse. Gleichzeitig wird über den angeblich beklagenswerten Zustand der Bundeswehr lamentiert und nach mehr Geld für deren Aufrüstung gerufen.

In den 1990er Jahren hatte die Menschheit noch von Frieden und Abrüstung geträumt. Aber die jetzige Kursänderung kommt nicht wirklich überraschend. Von "Vordenkern" aus den USA wurde schon lange angekündigt, welcher außenpolitische Kurs langfristig einzuschlagen sei. 1997 veröffentlichte der US-Geostratege Zbigniew Brzezi?ski das Buch "The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives" (der deutsche Titel: "Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft"). Hier wird klar erläutert, dass es das Ziel der USA sein müsse, "keinen eurasischen Herausforderer aufkommen zu lassen, der den eurasischen Kontinent unter seine Herrschaft bringen und damit auch für Amerika eine Bedrohung darstellen könnte." Denn selbstverständlich ist nur die amerikanische Nation von Gott dazu ausersehen, zum Wohle der Menschheit die "Vision einer besseren Welt" zu verwirklichen.

2012 verkündete der damalige US-Präsident Barack Obama den "Pivot to Asia". In einfachen Worten heißt das: "Der neue Hauptfeind heißt China". Zwar ist nicht erkennbar, dass China die USA selbst bedrohen oder gar militärisch angreifen könne. Aber die militärische Dominanz der USA auf allen Weltmeeren und die wirtschaftliche Vorherrschaft mittels des Dollars als weltweites Zahlungsmittel ist nicht mehr gesichert.

Das "alte Europa" ist aber auch noch wichtig auf dem "Grand Chessboard" Eurasien. 2015 erläuterte George Friedman von US-Thinktank "Stratfor" öffentlich, dass es das wichtigste Ziel der US-Außenpolitik sein müsse, Russland und Deutschland gegeneinander in Stellung zu bringen. Das Zusammenspiel von deutschem (oder generell westeuropäischem) Technik-Know-How und den russischen Bodenschätzen könnte Europa zu stark machen und der amerikanischen Kontrolle entziehen.

Das konsequent verfolgte Ziel der US-Außenpolitik - unabhängig davon, wer gerade Präsident ist - ist deshalb, Russland und China einzumauern und deren wirtschaftliche Entwicklung zu behindern. Dieser Kampf wird natürlich propagandistisch begleitet ("Hybride Kriegführung"), und wir beobachten fast täglich, wie negative Berichte über die beiden geostrategischen Rivalen verbreitet werden. In der Kabarett-Sendung "Die Anstalt" vom Januar 2015 wurde einem breiteren Publikum demonstriert, wie Transatlantische Netzwerke die deutschen Medien beherrschen und die öffentliche Meinung im Sinne der USA manipulieren.

Der Kampf gegen Russland äußert sich vor allem in der ständigen Dämonisierung von Wladimir Putin. Alle möglichen Schandtaten werden ihm zugeschrieben; eine besondere Masche ist dabei, ihn für "Giftanschläge" (besonders verwerflich!) verantwortlich zu machen. Ob Giftgaseinsätze im syrischen Bürgerkrieg, die Vergiftung des ausgetauschten Agenten Sergej Skripal oder jüngst die ungeklärte Erkrankung von Alexej Nawalny - überall soll Wladimir Putin persönlich die Ermordung per Gift persönlich veranlasst haben, und zwar ohne Rücksicht darauf, dass er damit die gewünschte wirtschaftliche Annäherung an Westeuropa (z.B. "Nord Stream 2") gefährden würde.

Im Kampf gegen China werden Unruhen in Hongkong gesteuert und Horrormärchen über das Schicksal der muslimischen Uiguren verbreitet. Die Annäherung Taiwans an das Mutterland China soll unbedingt verhindert werden, denn die Insel bildet zusammen mit dem ebenfalls von den USA kontrollierten Japan einen idealen Sperrgürtel gegen Chinas Zugang zu den Weltmeeren.

Es sollen an dieser Stelle nicht die einzelnen Propagandalügen gegen Russland und China diskutiert werden; an anderer Stelle finden sich ausführliche Untersuchungen dazu. Unser Fazit: Der mediale Kampf gegen Russland und China fügt sich nahtlos ein in die geostrategischen Zielsetzungen der USA. Und die deutschen Altparteien und die von Transatlantikern dominierten Medien schießen zunehmendes Propaganda-Trommelfeuer.

Ein aktueller Nebenkriegsschauplatz ist z.Z. Weißrussland ("Belarus"). Das Land fehlt der Nato noch, um den gewünschten "Limes" von Riga bis Odessa zu vollenden. Nachdem es nicht gelungen ist, den langjährigen Präsidenten Lukaschenko zu umgarnen, wird nun der Frontalangriff mit einer neuen Farbenrevolution versucht. Entgegen der Einschätzung unabhängiger Sachkenner wird behauptet, nicht Lukaschenko sondern eine von westlichen Beratern aufgebaute und finanzierte Marionette hätte die Wahl gewonnen - und zwar haushoch. Der US-Politik-Insider Dr. Paul Craig Roberts schrieb hierzu am 25.08.2020 "Das nächste Ziel: Regime Change in Russland".

Ein neuer Kalter Krieg ist seitens der USA angesagt, und zwar unabhängig davon, wie der nächste US-Präsident heißen wird. Wenn es nach den deutschen Transatlantikern in Medien und Parteien geht, wird Deutschland und ganz Nato-Europa treu an der Seite der USA marschieren. Die Frage, die viele Ältere beunruhigt, ist: Wird es - wie am 1. September 1939 - zu einem neuen heißen Krieg kommen? Noch spricht wenig dafür, außer der Möglichkeit eines "Atomkrieges aus Versehen", an dessen Schwelle die Welt im letzten Kalten Krieg mehrmals stand.

Aber selbst wenn man die Gefahr eines Dritten Weltkrieges gering einschätzt: Rüstungsbegrenzung, friedlicher Interessenausgleich, wirtschaftliche Kooperation und der Verzicht auf Vorherrschafts-Ansprüche einer von Gott auserwählten Nation sind der einzige Weg, um vielleicht die "Vision einer besseren Welt" zu verwirklichen, oder zunächst einmal bescheidener formuliert: Das Überleben der Menschheit zu sichern.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
31.08.2020


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