Die Kriegsschuldfrage 1939 als neues Propagandamittel gegen das heutige Russland

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes 1945 wurde wieder die Frage aufgeworfen, womit der Zweite Weltkrieg 1939 begann. In Polen geben zur Zeit nationalistische politische Kräfte den Ton an, die glauben, mit Russland noch eine Rechnung offen zu haben. Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939 konnte nur stattfinden, so behaupten sie, weil die Sowjetunion am 23. August 1939 mit Deutschland einen Nichtangriffspakt geschlossen hatte.

Im Sinne dieser Behauptung beantragten die polnischen Mitglieder des EU-Parlaments die Verabschiedung einer entsprechenden Resolution. Am 19. September 2019 genehmigte das EU-Parlament mit 535 Ja- gegen 66 Nein-Stimmen bei 52 Enthaltungen die Resolution, mit der diese Deutung der Geschichte per Mehrheitsbeschluss festgelegt wurde: Hitler und Stalin sollen gleichermaßen am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schuld sein. Und damit weist man auch dem heutigen Rechtsnachfolger der Sowjetunion, also Russland, eine moralische Schuld zu.

Unterschlagen wird dabei, dass sich spätestens ab 1937 abzeichnete, dass Hitler die Grenzen in Europa gewaltsam verändern wollte. Es gab vielseitige diplomatische Kontakte zwischen England, Frankreich, der Tschechoslowakei und Polen, um eine Anti-Hitler-Allianz zu gründen. Insbesondere bemühte sich die Sowjetunion, die ja erklärtermaßen der "bolschewistische Hauptfeind" Hitlers war, um einen Beistandspakt, wurde aber von England und Frankreich hingehalten.

Nachdem die Westmächte im März 1938 den Anschluss Österreichs an Deutschland hingenommen hatten, kam es im September 1938 als weiteren Schritt der "Appeasement-Politik" zum sogenannten "Münchner Abkommen". England und Frankreich erlaubten Hitler - trotz bestehender Unterstützungsverträge - Teile der Tschechoslowakei zu besetzen. Und Mitte März 1939 besetzte Hitler vertragswidrig auch noch den Rest der Tschechoslowakei, ohne dass die Westmächte einschritten. Interessant und wenig bekannt ist dabei die Tatsache, dass sich im Zuge der Zerschlagung der Tschechoslowakei auch Polen ein Stück - das "Teschener Land" (heute Těšín) - einverleiben durfte.

Zu dieser Zeit arbeiteten Polen und Hitlerdeutschland durchaus freundschaftlich zusammen. Es gab seit 1934 den Piłsudski-Hitler-Pakt, und polnische Offizielle äußerten durchaus Sympathien für das faschistische Regime in Deutschland einschließlich der Verfolgung der Juden. (An den in Polen verbreiteten Antisemitismus möchte man dort nur ungern erinnert werden.)

Das änderte sich etwa ab März 1939, als Adolf Hitler die "Freie Stadt Danzig" zurückverlangte, dazu eine exterritoriale Autobahn- und Eisenbahnverbindung, den sogenannten "Polnischen Korridor". Polen vertraute auf Bündnisverpflichtungen Englands und Frankreichs; ein Bündnis mit der Sowjetunion lehnte die polnische Führung ab. Die sowjetische Führung versuchte intensiv, ein Anti-Hitler-Bündnis mit England und Frankreich zu schließen, wurde aber offensichtlich nur hingehalten.

In dieser Situation und vom Westen im Stich gelassen unterzeichnete der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow mit dem deutschen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 einen Nichtangriffspakt mit Hitler-Deutschland, bekannt unter dem Namen "Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffspakt" und auch "Ribbentrop-Molotow-Pakt".

Der spätere "Stein des Anstoßes" bei diesem Nichtangriffspakt war ein geheimes Zusatzprotokoll des Inhaltes, dass im "Fall einer territorial-politischen Umgestaltung" die Sowjetunion auf jene Teile Polens Anspruch hätte, die ostwärts der "Curzon-Linie" lagen. Polen hatte diese Gebiete Weißrusslands und der Westukraine, in denen polnische Minderheiten lebten, zwischen 1919 und 1921 im nationalen Überschwang nach seiner Wiederentstehung gewaltsam erobert.

Als die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, war für Frankreich und England eindeutig der Bündnisfall eingetreten. Tatsächlich erklärten sie am 3. September Deutschland den Krieg, unternahmen aber nichts, was Polen militärisch entlastet hätte. Es wurde viel darüber geschrieben, warum im "Sitzkrieg" vom 3. September 1939 bis 10. Mai 1940 die Westalliierten nichts unternahmen. Offenbar rechneten sie damit, dass die ideologischen Feinde Nazi-Deutschland und die "bolschewistische" Sowjetunion zwangsläufig aneinander geraten würden. Sie hätten dann - wie mehrfach in der Geschichte - zusehen können, wie sich zwei ungeliebte Gegner gegenseitig neutralisieren.

Die sowjetischen Truppen rückten im September 1939, trotz mehrfacher deutscher Aufforderung, zunächst nicht vor. Erst als deutlich wurde, dass die Westmächte ihren Bündnisverpflichtungen gegenüber Polen nicht nachkommen würden, besetzte die Rote Armee ab 17. September 1939 die Gebiete bis zur Curzon-Linie. Die Armeen Englands und Frankreichs verharrten weiter untätig an der deutschen Westgrenze.

Die Situation der Westmächte veränderte sich grundlegend, als es der Wehrmacht ab Mai 1940 mit der "Rundstedt-Offensive" gelang, die alliierten Truppen in einem riskanten Blitzkrieg zu überrumpeln und Frankreich innerhalb von sechs Wochen zur Kapitulation zu zwingen. England stand nun allein da und musste sich im Sommer 1940 mit Mühe in der "Luftschlacht um England" behaupten.

Erst in dieser Situation erkannte man, dass man den erfolgreichen Feind Hitler nur besiegen konnte, indem man mit dem ideologischen Feind Stalin ein Zweckbündnis einging. (Dieses Zweckbündnis hielt dann auch nur wenig länger, als bis Hitler niedergerungen war.)

Wenn heute die Geschichte des Beginns des Zweiten Weltkrieges von polnischen Politikern einseitig dargestellt wird, ist das eine Sache. Eine zweite, ernstere Sache ist, wenn sich die Europäische Union per Mehrheitsbeschluss dieses verzerrte Geschichtsbild zueigen macht. Die Tatsache ist, dass England und Frankreich ihre Verbündeten Tschechoslowakei und Polen im Stich gelassen hatten. Auch Polen selbst war nicht nur "Opfer", sondern hatte bis zum deutschen Überfall selbst eine nationalistische, aggressive Politik betrieben.

Eine verzerrte Geschichtsschreibung soll dazu dienen, das neue Feindbild Russland zu pflegen. Feindbilder aufzubauen dient immer dazu, einen neuen Krieg propagandistisch vorzubereiten.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
28.06.2020


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