Zu schnell geschossen - Die Strategie der Spannung und ihre "Kollateralschäden"

Die jüngste Flugzeugkatastrophe im Iran führt uns wieder einmal vor Augen, wie schnell eine "Strategie der Spannung" aus dem Ruder laufen kann. Wirtschaftliche Erpressung und Sanktionen sollen zur Destabilisierung der Staatsmacht führen, um einen gewünschten Regimewechsel herbei führen zu können. Zusätzlich sollen erzwungenes Wettrüsten und militärische Drohgebärden das Zielland so unter Druck halten, so dass eine normale friedliche Entwicklung verhindert wird. Aktuell beobachten wir diese Strategie der USA gegenüber Venezuela, Nordkorea und dem Iran.

Im Falle vom Iran haben nun ein US-Drohnenmord an einem hohen iranischen Regierungsvertreter, der darauf folgende iranische Gegenschlag und die erwarteten weiteren US-Luftangriffe dazu geführt, dass die iranische Luftabwehr unbeabsichtigt ein ziviles Flugzeug mit 176 Menschen abgeschossen hat. Leider ist das kein neuer Fall; im Internet kann man eine umfangreiche "Liste abgeschossener Flugzeuge in der Zivilluftfahrt" finden. Wir wollen hier nur zwei besonders verlustreiche Fälle aus dem Kalten Krieg in Erinnerung rufen, die zeigen, wie schnell eine kleine Provokation in einer Katastrophe enden kann.

Am 1. September 1983 wurde eine koreanische Boeing 747 mit 269 Insassen von der sowjetischen Luftabwehr abgeschossen. Laut Wikipedia war das Flugzeug infolge eines "Navigationsfehlers" 500 km weit vom Kurs abgekommen. Tatsächlich ist eher anzunehmen, dass sowohl der Autopilot des Flugzeuges manipuliert als auch der Transponder deaktiviert worden war, so dass die sowjetische Luftabwehr das unbekannte Flugobjekt für den US-Langstreckenaufklärer RC-135 halten mussten, der kurz zuvor den gleichen Kurs geflogen hatte. Die US-Operation sollte die sowjetische Luftabwehr testen und deren Schwachstellen herausfinden. Leider erkannte die sowjetische Luftverteidigung zu spät, dass ihr da ein Zivilflugzeug "vor die Flinte" geschickt worden war.

Am 3. Juli 1988 wurde Iran-Air-Flug 655 mit 290 Menschen an Bord (hauptsächliche Pilger auf dem Weg nach Mekka) von einem US-Kriegsschiff abgeschossen. Zu dem Zeitpunkt während des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und dem Iran befand sich das US-Kriegsschiff in iranischen Hoheitsgewässern und hielt den iranischen Airbus A300 - trotz eingeschaltetem Transponder, der den Flug als zivil auswies - für ein angreifendes Militärflugzeug.

Nicht eingetreten, aber potentiell bedrohlich sind "Missverständnisse" zwischen den Atomwaffen-Besitzern. Insbesondere stand die Welt im Kalten Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA mehrmals am Rande einer Katastrophe. Hier wäre es nicht bei "Kollateralschäden" von einigen Hundert Opfern geblieben, sondern die gesamte Menschheit wäre in ihrer Existenz bedroht gewesen.

Besonders bekannt sind die Kuba-Krise im Oktober 1962 und ein atomarer Fehlalarm am 26. September 1983. Bei letzterem hat der kürzlich verstorbene sowjetische Oberstleutnant Stanislaw Petrow fast in letzter Minute einen Atomkrieg verhindert. Weniger bekannt ist das provokative US-Atommanöver "Able Archer" vom 7. bis 11. November 1983, das seitens der Sowjetunion fast für eine konkrete Vorbereitung eines atomaren Erstschlag der USA gehalten worden wäre. U.a. hat der DDR-Kundschafter Rainer Rupp hier rechtzeitig für Klarheit gesorgt.

Leider wird weiter mit dem Feuer gespielt: Das beschränkt sich nicht auf willkürliche "Luftschläge" der USA gegen militärisch unterlegene Staaten wie Libyen, Syrien oder den Iran. In Osteuropa wurden vorgeschobene Raketenbasen errichtet, die auch für atomare Erstschläge gegen Russland geeignet wären. Diese müssen für Russland noch bedrohlicher sein als im Kalten Krieg die Mittelstreckenraketen in Westeuropa. Mehr noch als damals stellen diese Abschussbasen in Osteuropa, weil sie ja noch näher heran gerückt sind, eine "Einladung" zu einem Präventivschlag dar. Je nach politischer Großwetterlage und richtiger oder falscher Einschätzung der Situation könnte ein Nachfolger von Oberstleutnant Petrow im Stress zu schnell auf den "Knopf" drücken.

Die Welt sitzt immer noch bzw. wieder auf einem Pulverfass. Außer gelegentlichen "Kollateralschäden" ist auch die atomare Selbstvernichtung der Menschheit wieder in den Bereich des Möglichen gerückt. Besonnene Menschen in den "Frontstaaten" Osteuropas, aber auch die ehemals sehr aktive Friedensbewegung in Deutschland haben es noch schwer, die europäischen Regierungen zu einer aktiveren Friedenspolitik zu drängen.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
12.01.2020


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