Das gefährliche Spiel mit der Atomrüstung

In diesen Tagen gedenkt die Welt der ersten Atombombenabwürfe durch die USA am 6. und 9. August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki. Ohne hier alle Phasen des inzwischen sieben Jahrzehnte währenden atomaren Wettrüstens nachzeichnen zu wollen, soll kurz auf das Dilemma eingegangen werden: Das zeitweilige Atombombenmonopol der USA hätte den ungestraften Einsatz dieser Waffe gegen jeden anderen Staat ermöglicht. Ab 1949 war mit der ersten sowjetischen Atombombe dieses Monopol beendet. Die USA selbst wären mit einem Gegenschlag bedroht gewesen. Somit wurde ein Ersteinsatz gegen die Sowjetunion undurchführbar. Inzwischen haben einige Staaten nachgezogen und sich ebenfalls unangreifbar gemacht. Es entstand das sprichwörtliche "Gleichgewicht des Schreckens".

Die atomaren "Habenichtse" mussten und müssen dagegen unter der Bedrohung leben und sich ggf. militärisch und politisch erpressen lassen. Vereinfacht gesagt: Wer Atomwaffen besitzt, ist nicht angreifbar. Deshalb möchte jeder Staat, der sich irgendwie bedroht fühlt, diese Waffen haben. Andererseits steigt die Gefahr eines - vielleicht auch nur versehentlich ausgelösten - Atomkrieges, je mehr Staaten über solche Waffen verfügen. Gerechterweise sollte deshalb kein Staat Atomwaffen besitzen. Jegliche Teillösung, dass nur einige Großmächte Atomwaffen haben dürfen, kann nur ein Zwischenschritt zu einer vollständigen atomaren Abrüstung sein. Offiziell haben die Großmächte dieses auch immer wieder zum Ziel erklärt; konsequent verfolgt wurde dieses Ziel aber nicht.

Seit längerem sind zwei Bestrebungen im atomaren Wettrüsten zu beobachten. Erstens: Die etablierten Atommächte - genauer gesagt die USA - streben eine neue Überlegenheit an, indem sie die Zweitschlagsfähigkeit des atomar gerüsteten Gegners doch noch in Frage stellen können. Dieses geschieht einerseits durch vorgeschobene Angriffssysteme, die durch ihre kurze Flugzeit die Atomwaffen des Gegners schon am Boden vernichten sollen. Zum anderen werden Raketenabwehrsysteme installiert, die den noch möglichen Gegenschlag der (wenigen) nicht zerstörten Systeme des Gegners abfangen können. Ein atomarer Erstschlag wäre dann wieder ungestraft möglich. Das "Gleichgewicht des Schreckens" wäre dadurch ausgehebelt. Genau in diesem Sinne haben die USA in den letzten Jahren Raketenabwehrsysteme an der russischen Grenze installiert und möchten (wieder) vorgeschobene Mittelstreckenraketen in Europa (gegen Russland) und in Südostasien (gegen China) stationieren.

Das zweite Bestreben gilt den atomaren "Habenichtsen". Das rücksichtslose Vorgehen der USA gegen den Irak, Libyen und andere Staaten hat ihnen gezeigt, dass nur eigene Atomwaffen eine Versicherung gegen die Willkür der Großmächte sind. Das hat vor allem Nordkorea beherzigt. Aktuell wird der Iran bezichtigt, nach Atomwaffen zu streben. Dabei wird unterstellt, dass damit insbesondere Israel bedroht sei, das selbst (von den Westmächten geduldete) Atomwaffen besitzt. Dabei wird ausgeblendet, dass Israel durch Uboot-gestützte Raketen eine gesicherte Zweitschlagsfähigkeit hat. Das iranische Atomprogramm - wenn es denn wieder aufgenommen würde - würde also noch keine Offensivfähigkeit gegen Israel bedeuten.

Eine neue große Gefahr geht davon aus, dass die USA den 1987 zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow geschlossenen INF-Vertrag gekündigt haben. Dieser Vertrag beinhaltet die Vernichtung landgestützter atomarer Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper mit einer Reichweite von 500 bis 5500 km. Kurzstreckenraketen einerseits und Interkontinentalraketen andererseits waren darin nicht erfasst. Insbesondere waren auch luft- und seegestützte Mittelstreckenwaffen, bei denen die USA die Überlegenheit hatten, nicht eingeschlossen. Damit sollte rückblickend klar sein, dass der damalige Vertrag nicht als eine ausgewogene Endlösung angesehen werden konnte. Weitere Rüstungsbegrenzungsmaßnahmen mit dem Fernziel einer völligen atomaren Abrüstung hätten folgen müssen.

Im Augenblick ist leider wieder eine neue Rüstungsrunde angesagt. Die USA möchten ihre bisherige weltweite militärische Dominanz erhalten. Dabei wird neben dem Gegner Russland (als Nachfolger der Sowjetunion) vor allem China ins Visier genommen. Es muss bezweifelt werden, dass die USA auf diesem Wege wirklich ihre Rolle als die "einzige Weltmacht" behaupten können; vielmehr haben sie den Zenit ihrer Machtentfaltung bereits um das Jahr 2000 überschritten.

Sicher ist leider nur eins: Ein neues Wettrüsten wird die Kriegsgefahr wieder größer machen. Und es werden erhebliche finanzielle Mittel gebunden, die eigentlich für die Bekämpfung des Klimawandels, der Unterentwicklung und des ungebremsten Wachstums der Weltbevölkerung dringend benötigt würden.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
08.08.2019


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