Tag der Befreiung: 8. Mai 1945

Für viele Deutsche, die im Konzentrationslager, im Zuchthaus oder im Untergrund überlebt hatten, war der 8. Mai 1945 ihr persönlicher Tag der Befreiung. Für die Mehrzahl der Deutschen, das muss man realistisch feststellen, war es zunächst nur der Tag der Niederlage, der "Zusammenbruch", der "Umsturz". Es mussten den Menschen erst die Augen geöffnet werden, welche Menschheits-Verbrechen von Deutschland im 2. Weltkrieg begangen worden waren.

Die Erinnerungspolitik in den beiden Teilen Deutschlands lief schon bald nach den ersten Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen in entgegengesetzte Richtung. In der DDR war der 8. Mai bis 1967 offizieller Gedenktag. Und es wurde auch die besondere Rolle der Sowjetunion heraus gestellt, die die meisten Opfer im Abwehrkampf und schließlich in der Zerschlagung des deutschen Faschismus getragen hatte.

Im Gegensatz zur DDR war der 8. Mai in der alten Bundesrepublik kein Bezugspunkt in der Erinnerungspolitik. "Niederlagen feiert man nicht", war lange die offizielle Diktion. Stattdessen wurden Übergriffe der Roten Armee gegen die deutsche Zivilbevölkerung (die es natürlich gegeben hatte) und der Verlust der deutschen Ostgebiete in den Vordergrund gestellt. Dass dies die Folge des deutschen Angriffs-Krieges und der damit verbundenen schweren Kriegsverbrechen war, wurde gerne verdrängt. Es ist dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer als Einzelkämpfer gegen das westdeutsche System zu verdanken, dass wenigstens ab 1963 Naziverbrechen auch in der Bundesrepublik juristisch aufgearbeitet werden konnten. Allerdings war zu dem Zeitpunkt alles außer Mord bereits verjährt, und die deutsche Justiz legte keinen besonderen Eifer an den Tag, um diese Verbrechen aufzuklären.

Einen Einschnitt in der westdeutschen Politik der Verdrängung der Vergangenheit stellte die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes dar. Zur Verärgerung seiner eigenen Partei sprach er öffentlich aus, dass auch für Deutschland der 8. Mai 1945 ein "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" gewesen sei. Diese öffentliche Äußerung war auch Teil der Aussöhnung mit der Sowjetunion.

Inzwischen hat sich der Wind wieder gedreht: Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion ist wie zu den übelsten Zeiten des Kalten Krieges Objekt einer feindseligen und verleumderischen Propaganda. Wladimir Putins im September 2001 vor dem Deutschen Bundestag in deutsch gehaltene Rede, die ein weitreichendes Angebot zur friedlichen Zusammenarbeit darstellte, wurde einfach ignoriert. Der Große Bruder USA wünschte keine friedliche Kooperation zwischen Westeuropa und Russland. Inzwischen werden Nato-Streitkräfte an die russischen Grenzen vorverlegt, und auch deutsche Panzer stehen wieder 150 km vor Sankt Petersburg, dem ehedem leidgeprüften Leningrad.

Natürlich gibt es Stimmen der Vernunft, die davor warnen, das Verhältnis zu Russland willkürlich zu verschlechtern. In dem Zusammenhang gibt es von der Berliner "rot-rot-grünen" Koalition den Vorschlag, den 8. Mai ab 2020 zum Feiertag zu machen. Das ist zwar im Augenblick noch reine Symbol-Politik. Aber es könnte der Anfang sein für eine Rückbesinnung, dass es in erster Linie die Rote Armee war, die Deutschland befreit hatte und sich nach 1990 friedlich zurück zog. Es wurde ihr schlecht gedankt - aber das darf nicht das letzte Wort der Geschichte bleiben.

Wir denken an die Verse von Johannes R. Becher: "Wer hat vollbracht all die Taten, / Die uns befreit von der Fron? / Es waren die Sowjetsoldaten, / Die Helden der Sowjetunion." In diesem Gedenken ist eine friedliche Zusammenarbeit mit dem heutigen Russland möglich und anzustreben.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
07.05.2018


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