Nordkorea im Visier der US-Gobalstrategie

Nach dem plötzlichen Tod von Kim Jong-Il im Jahre 2011 wurde sein Sohn Kim Jong-Un trotz seines jugendlichen Alters offiziell zum Parteiführer Nordkoreas gewählt. Als Enkel des legendären Kim Il-Sung symbolisierte er die Kontinuität der Staatsführung. Zu diesem Zeitpunkt war die "Sonnenscheinpolitik" zwischen den beiden koreanischen Staaten auf Betreiben von US-Präsident George Bush jr. bereits abgewürgt worden. Nordkorea wurde wieder als "Schurkenstaat" bezeichnet, was bedeutete, dass es auf der Liste derjenigen Staaten, in denen die USA einen "regime-change" planten, ganz oben stand.

Mit regelmäßigen provokativen Manövern der 30.000 in Südkorea stationierten US-Soldaten zusammen mit den südkoreanischen Streitkräften und unter Zur-Schau-Stellung von Flugzeugträgern und strategischen Bombern wurde erheblicher militärischer Druck ausgeübt. Das gern benutzte Schlagwort vom "Säbelrasseln" passte dafür schon lange nicht mehr; hier wurde unverantwortlich mit dem Feuer gespielt. Gleichzeitig wurden auch wirtschaftliche Blockade-Maßnahmen wieder verschärft, die Nordkorea natürlich schadeten.

Folglich hatte Kim Jong-Il das nordkoreanische Atomprogramm, das während der Sonnenschein-Phase ausgesetzt worden war, wieder aufnehmen lassen. Unter Kim Jong-Un liefen diese Arbeiten erfolgreich weiter und gipfelten in mehreren erfolgreichen Atombomben-Tests und der Demonstration einer Interkontinental-Rakete, die aufgrund ihrer Reichweite das Territorium der USA erreichen kann. Damit hatte Nordkorea - zumindest theoretisch - ein Drohpotential, mit dem es jeden Angreifer abschrecken konnte. Ein wichtiges Etappenziel war erreicht.

In der Zwischenzeit war die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye, die als willige Vollstreckerin der amerikanischen Konfrontationspolitik agierte, über Bestechungs-Skandale gefallen und auch strafrechtlich verurteilt worden. Ihr Nachfolger Moon Jae-In war unter anderem wegen seiner Ankündigung, die "Sonnenscheinpolitik" wieder aufleben zu lassen, gewählt worden. Anlässlich der diesjährigen olympischen Winterspiele in Südkorea ließ er dieser Ankündigung konkrete Taten folgen und lud den verteufelten Norden zur Teilnahme ein. Kim Jong-Un nahm - für viele Kommentatoren im Westen überraschend - das Angebot an. Tatsächlich ist diese Entwicklung aber keineswegs überraschend, wenn man annimmt, dass Nordkorea keine aggressiven Absichten verfolgt, sondern sich lediglich unangreifbar machen möchte.

Die erneute Annäherung der beiden koreanischen Staaten entwickelt sich z.Z. vielversprechend. Aber jedem ist klar: Es läuft nichts ohne den Großen Bruder USA. Es gibt keinen Friedensvertrag, und die 30.000 US-Soldaten haben den Charakter einer Besatzungsmacht. Die Handlungsfreiheit Südkoreas war immer wesentlich geringer, als es die der alten Bundesrepublik jemals war. Folglich ist die südkoeranische Delegation nach ihrem Besuch im Norden gleich zum Rapport in die USA weiter gereist und hat ein Gesprächsangebot von Kim Jong-Un an den Präsidenten der USA überreicht.

Nun sitzt auf dem Sessel des US-Präsidenten nicht - wie es das System fest einkalkuliert hatte - Hillary Clinton, sondern der als unberechenbar dargestellte Donald Trump. Dieser hatte in mehreren widersprüchlichen Äußerungen einerseits schlimmste Drohungen ausgestoßen, andererseits aber auch Gesprächsbereitschaft gegenüber Nordkorea angekündigt. Er wolle ´mal mit Kim Jong-Un "einen Burger essen", war einer seiner gern zitierten Sprüche.

Die aktuelle Frage ist: Was wird Donald Trump aus der aktuellen Gesprächsbereitschaft machen? Oder richtiger gesagt: Inwieweit ist er befugt, einfach in Korea eine friedliche Lösung zuzulassen? Käme es zu einem Friedensvertrag, wäre die weitere Anwesenheit der US-Truppen in Südkorea und insbesondere die Installation von Raketen-Abwehrsystemen vor der Haustür Chinas nicht mehr zu begründen. Wird der Militärisch-industrielle-geheimdienstliche Komplex das zulassen? Nicht umsonst hatte Trumps Amtsvorgänger Barack Obama seinen "Pivot to Asia" verkündet. Im Klartext hieß das, "Der zukünftige Hauptfeind ist China". China muss mit allen Mitteln eingedämmt und eingekreist werden. Darf ein gewählter US-Präsident die geostrategischen Interessen des "Tiefen Staates" in den USA ignorieren und einfach mal Frieden machen?

Momentan gibt es bereits Anzeichen, dass Donald Trump zu ersten Rückziehern genötigt wird: Hieß es ursprünglich, es werde ein Treffen zwischen ihm und Kim Jong-Un ohne Vorbedingungen geben, so werden jetzt schon wieder Bedingungen ins Spiel gebracht. Natürlich: Nordkorea wird sein Atom- und Raketenprogramm während der Gespräche einfrieren. Aber keinesfalls wird es als Vorleistung seine Atomwaffen und Interkontinentalraketen abgeben und sich somit wieder wehrlos machen; das wäre nach all den wechselhaften Erfahrungen selbstmörderisch.

Wer in der jetzigen Situation Vorleistungen von Nordkorea fordert, will keine friedliche Lösung, sondern braucht einen Vorwand für weitere Hochrüstung und Konfrontation gegenüber China und Russland. Es dürfte spannend werden, wer sich in den USA durchsetzen kann. US-Präsident Donald Trump wagt einen gefährlichen Hochseilakt, und es ist zu befürchten, dass die Kriegstreiber-Fraktion ihm "das Seil kappen" wird. Leider wird das für den Rest der Welt keine nervenkitzelnde Zirkusnummer, der die Welt amüsiert in der Zuschauer-Loge zusehen kann. Vielmehr könnte der Weltfrieden und letztlich die Existenz der Menschheit bei diesen Machtkämpfen auf dem Spiel stehen.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
11.03.2018


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