Isolationsfolter

In seinen Interviews mit der "taz" und dpa hat der seit über elf Monaten in der Türkei inhaftierte "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel seine Isolationshaft als Folter bezeichnet, deren langfristige Folgen noch nicht absehbar seien. Seine Frau, Dilek Mayatürk-Yücel, sieht darin eine Menschenrechtsverletzung.

Sicher wird es für die Familie Yücel keine Beruhigung sein, dass die Isolationshaft keine türkische Erfindung ist. Auch in der Bundesrepublik Deutschland wird sie praktiziert, selbstredend ganz rechtsstaatlich: nämlich gesetzlich geregelt und von einem Richter anzuordnen. Allerdings vermeidet man schamhaft die Bezeichnung Isolationshaft und spricht stattdessen beschönigend von "strenger Einzelhaft". Diese sieht vor, dass der Gefangene von anderen Gefangenen dauernd zu trennen und streng zu bewachen ist und dass sein Verkehr mit der Außenwelt wie auch der tägliche Aufenthalt im Freien auf das Mindestmaß beschränkt, ggf. auch vollständig untersagt und besonders streng überwacht wird (§ 60.2.1 UVollzO). Derartige Haftbedingungen zeitigen kurz- und langfristige psychische Folgen. Umso perfider ist es, dass die Justizvollzugsanstalt bei der Entlassung eines Gefangenen auf dessen schriftlicher Bestätigung beharrt, die Haft habe ihm physisch und psychisch nicht geschadet.

Ich weiß, wovon ich rede, wurde ich doch in einem deutschen Gefängnis, in München, 15 Monate lang in "strenger Einzelhaft" gehalten. Diese Isolationshaft hatte auch keine rechtliche Grundlage: Sie war nicht mit der einzig zulässigen Begründung, nämlich einer besonderen Verdunkelungsgefahr, vom Ermittlungsrichter angeordnet worden, sondern aufgrund des "Gegenstandes des strafrechtlichen Verfahrens", d.h. meiner Kundschaftertätigkeit für die ehemalige DDR. Beantragt hatte sie die Bundesanwaltschaft, hinter der der Bundesnachrichtendienst, für den ich 17 Jahre gearbeitet hatte, agierte und war nichts anderes als eine vorweggenommene und zugleich verschärfte Strafe.

Eine lang dauernde Isolation ist in der Tat Folter und zugleich eine eklatante Menschenrechtsverletzung, weil sie den Menschen als soziales Wesen missachtet und damit seine Würde verletzt. 15 Monate lang, 23 Stunden täglich war ich allein in einer kleinen Zelle eingesperrt und beim einstündigen "Aufenthalt im Freien" ebenfalls allein. Auch wenn es Deniz Yücel und seine Familie beunruhigen wird: Die Isolationshaft hinterlässt seelische Schäden bzw. traumatisiert, wie man heutzutage sagt. Denn sie deformiert die Psyche, verändert die Persönlichkeit. Es ist ein schleichender Prozess und er hat Langzeitwirkung.

In der Zeit der Isolationshaft habe ich zwei Arten psychischer Folter erfahren und durchlitten: In der ersten, etwa ein halbes Jahr dauernden Phase die Qual, die Gegenwart von Menschen und vor allem die Kommunikation mit ihnen entbehren zu müssen und nachfolgend die Qual, die Gegenwart von Menschen nicht mehr ertragen zu können, ihre Nähe aber ertragen zu müssen.

Im ersten halben Jahr der Isolationshaft beherrschte ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit und eine unstillbare Sehnsucht nach menschlicher Nähe alle Empfindungen. Immer wieder ließ die innere Anspannung in Momente tiefster Verzweiflung und des Verlusts von Wert und Sinn solchen Lebens abstürzen. Die Gefahr der Suicidalität war umso größer, als es in solchen Stunden der Depression keine Möglichkeit eines tröstenden Wortes, eines Händedrucks gab. Gleichzeitig widersetzte sich die Psyche der erzwungenen Einsamkeit, indem sie herbeizuzwingen suchte, was die abgesperrte Tür vorenthielt: Wie bei einem Blinden übernahm das Gehör die Orientierung, versuchte die trennenden Wände zu überbrücken. Waren jenseits der Tür, auf dem Flur, Geräusche von Menschen zu vernehmen, hastige Schritte oder schlurfender Gang, Stimmengewirr, Singsang oder gar Lachen, so schwand das Gefühl des eingesperrt Ausgesperrtseins, erschien menschliche Nähe gegeben, die die Endlosigkeit der Zeit erträglicher machte. Blieben diese Geräusche aus wie an den Sonn- und Feiertagen, legte sich eine bleierne Schwere auf die Zelle.

Irgendwann, nach etwa einem halben Jahr, kehrte die Gewöhnung an die Einsamkeit diese krampfhafte Suche nach menschlicher Nähe um. Nun begann die Qual, die Gegenwart von Menschen ertragen zu müssen, ihre Schritte, ihr Reden, ihr Lachen, die Geräusche von Leben und Geschäftigkeit hinter der verschlossenen Tür. Nur das Alleinsein mit mir selbst, die "Unterhaltung" der Gedanken, die schriftliche Kommunikation mit Angehörigen und Freunden, die Stille waren zu ertragen, und was immer in diese Stille eindrang und sie störte, bedrängte die Geborgenheit in der Zelle. Ich wurde wortkarg, gab den Wärterinnen kaum noch Antwort. Ihre Anwesenheit beim einsamen Hofgang begann zu stören. Jedes Aufschließen der Zellentür erschien wie ein Einbruch in meine geschlossene Welt. Die Ohren wehrten sich gegen jedes noch so leise, noch so angenehme Geräusch, wie beispielsweise die geliebte klassische Musik. So blieb das Radio, das zuvor eine schmale Brücke zur Außenwelt geschlagen hatte, immer häufiger und immer länger stumm. Unmerklich, wiewohl unaufhaltsam hatte die Isolation in die Selbstisolation geführt und damit in eine Verfasstheit, die die Einsamkeit erträglich machte. Nur - dieser Zustand währte nicht auf Dauer.

Nach etwa einem Jahr setzte eine innere Erstarrung ein, die mir die Fähigkeit zur Selbstbeschäftigung, zur Arbeit nahm. Bis dahin hatte ich die Tage, Werktage wie Feiertage, in einem strengen Arbeitsrhythmus verbracht, wenn nicht eine depressive Stimmung zur Untätigkeit zwang. Ich war ständig beschäftigt, stellte mir immer wieder neue Aufgaben, um in dem Übermaß an Zeit nicht in lähmende Langeweile zu verfallen. Ich konnte dadurch die Konzentration wahren oder aktivieren. Aber nach einem Jahr ununterbrochener und einsamer Betätigung war ich ausgebrannt. Von einem Tag zum anderen ging nichts mehr: kein Buch vermochte zu interessieren, keine Themenbearbeitung, kein Lernprogramm, keine Handarbeit und - was das Schlimmste war - ich konnte mich auch meiner Familie nicht mehr mitteilen. Der innere Panzer, der sich in all den Monaten der Isolation herausgebildet hatte, hatte sich geschlossen. Das schützende Schneckenhaus war zugewachsen. Das war die Zeit, wo ich zu ersticken meinte, wo ich mich lebendig begraben fühlte. Aber es war auch eine Zeit, wo ich zu begreifen begann, dass die Justiz Unrecht tat und aus dieser Erkenntnis die Kraft zum Durchhalten schöpfte.

In diese psychische Verfasstheit fiel die Gerichtsverhandlung. Sie riss mich aus der Einsamkeit und der Abschirmung der Zelle. Von einem Moment zum anderen wurde ich in das Leben außerhalb der Gefängnismauern geworfen, in das Verkehrsgewühl, in menschliche Gesellschaft, in eine Kommunikation mit Menschen und - ins Blitzlicht der Öffentlichkeit. Nach 15 Monaten ständigen Alleinseins begann der Prozess gegen mich damit, dass eine Horde von Pressefotographen über mich herfiel, mich bedrängte, ihre Scheinwerfer auf mich richtete und mir ihre Kameras ins Gesicht hielten. Auch das war rechtsstaatlich, denn sie hatten eine richterliche Genehmigung. Während die Kameras heiß liefen, erstarrte ich zu einem Eiszapfen. Aus dieser Erstarrung taute ich erst abends, nach Rückkehr in die Einsamkeit meiner Zelle auf: mit einem psychischen Zusammenbruch und der flehentlichen Bitte an die hilflosen Wärterinnen, meine Zellentür für die nächsten Jahre nicht mehr zu öffnen, weil das humaner sei als der brutale, entwürdigende Presseüberfall im Gerichtssaal. In solcher Befindlichkeit stand ich die Verhandlung und ihre Begleitumstände durch.

Es bleibt abschließend noch festzuhalten, wie meine Isolationshaft endete und die Rückkehr unter die Menschen verlief. Es war ein Weg zurück durch die Hölle, die ich auf dem Weg in die Selbstisolation durchschritten hatte. Nach Aufhebung der Einzelhaft blieb ich weitere 3 Monate ununterbrochen in der Zelle. Wann immer die Tür aufgesperrt und einen Spalt breit geöffnet wurde, stürzte ich hin, um sie zu schließen. Es war unerträglich, sie geöffnet zu sehen und dahinter Menschen wahrzunehmen. Ich ging nicht mehr nach draußen, weil ich nun am allgemeinen Hofgang teilnehmen musste und die Anwesenheit von Menschen und das Stimmengewirr in diesem Areal, in dem ich immer alleine gewesen war, nicht ertrug. Ich ertrug es nicht, beim Essenholen, Wäschetausch und Duschen anderen Menschen nahe sein zu müssen. Ich schlich mich, wenn überhaupt, als erste oder als letzte hin und war dankbar, wenn mir die Hausarbeiterin solche Wege abnahm.

Dann folgte die Verlegung in eine andere Justizvollzugsanstalt. In einen riesigen, typischen Gefängnisbau, kreuzförmig angelegt mit hohen offenen Hallen, erfüllt von Geschrei und dröhnender Musik. Wieder, wie schon während der Verhandlung, rasteten die Nerven aus, bereitete der Lärm physische Pein. Doch es kam, als es besser zu werden versprach, noch schlimmer: Nach der Verlegung in den offenen Vollzug hatte ich in der Freigänger-Abteilung drei Räume und ein winziges Bad mit acht anderen Frauen zu teilen. Die Zwangs-Isolation führte geradewegs in die Zwangs-Gemeinschaft. Nicht einen Moment war ich mehr allein, Tag und Nacht der Gegenwart anderer Menschen ausgesetzt. In der äußersten Ecke des Flurs, den Mitbewohnerinnen abgewandt, richtete ich mir einen Arbeitsplatz ein und wünschte mir die Wände der Zelle herbei, um wirklich abgeschirmt zu sein von den anderen Frauen. Schließlich wurde ich wieder in das Gefängnis verlegt, wo ich bereits die Isolationshaft verbracht hatte. Nun kam ich als Freigängerin zurück, aber da es dort keine Einrichtung für Freigänger gab, wurde ich wieder in Einzelhaft genommen - diesmal aus Gründen der erforderlichen Trennung von den Gefangenen im geschlossenen Vollzug. Ich war also endlich wieder allein, rigoros allein, denn wann immer ich von meiner Tätigkeit außerhalb der JVA zurückkehrte, wurde meine Tür verschlossen. Ich befand mich - als Freigängerin - faktisch wieder in Isolationshaft. Mitunter blieb die Tür tagelang versperrt, die Trennung wurde konsequent praktiziert: keine Aufschlusszeiten, kein Hofgang, keine Gemeinschaftsveranstaltungen. Man war eben auf Freigänger nicht eingerichtet und hatte mich deshalb nur gezwungenermaßen aufgenommen. Gleichwohl: Ich konnte mit dieser Isolation besser umgehen als mit der vorherigen Zwangsgemeinschaft.

Auch nach meiner Haftentlassung konnte ich mit der Gemeinschaft, mit Ansammlungen von Menschen, mit ihrem Lärm lange Zeit nicht gut umgehen. Ich fühlte mich bedrängt, es machte mir Angst, ich wurde aggressiv, ich lief davon. Die Zeit der Haft, der Isolation ist zwar vorbei, das Leben hat sich wieder "normalisiert". Aber es ist nicht mehr die Normalität, wie ich sie früher empfand. Nach wie vor meide ich große Menschenmengen, Events und ohrenbetäubender Lärm sind mir ein Gräuel. Und ich bin gerne allein, auch an Weihnachten, dem höchsten Fest des Miteinander.

Dr. Gabriele Gast
26.01.2018


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