27 Jahre deutsche Einheit -
und wieder kein richtiger Jubel

Das alljährliche Jubelfest am 3. Oktober steht dieses Jahr unter dem Eindruck der gerade in die Hose gegangenen Bundestagswahl. Die zwei etablierten "Volksparteien" wurden von ihren Wählern gedemütigt. Das Schmuddelkind AfD wurde als Ausdruck des maximalen Protestes gegen das System mit 12,6 % in den Bundestag geschickt, und im ehemals Kohl-begeisterten Sachsen hat sie mit 27 % sogar die CDU überholt. Drastischer konnten die Ostdeutschen der angeblichen Demokratie westdeutscher Prägung den Stinkefinger nicht zeigen.

Ex-DDR-Bürgerrechtler und Theologe Friedrich Schorlemmer kritisiert angesichts der guten Wahlergebnisse der AfD die "Undankbarkeit vieler Ostdeutscher" (Frankfurterr Rundschau 25.09.2017). Seiner Meinung nach sollen die Ostdeutschen wohl immer noch in der Feierlaune sein wie im November/Dezember 1989, als ihnen mit 100 DM "Begrüßungsgeld" ein kapitalistisches Konsumparadies vorgegaukelt wurde. Sie sollen immer noch auf die versprochenen "blühenden Landschaften" warten und vergessen, wie die Treuhand im Osten das Volkseigentum verramscht und erhebliche Teile der Industrie-Arbeitsplätze vernichtet hat.

Wolf Biermann schimpft gemäß Spiegel vom 25.09.2017 über angeblich "hasserfüllte" Ostdeutsche: "Ihr seid Feiglinge", "Ich finde das zum Kotzen, (...) dass die Leute gelangweilt werden von der Demokratie, die Freiheiten geringschätzen, zu bequem werden, sich in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen." Nein, offensichtlich sind die Ostdeutschen gerade nicht gelangweilt von der "Demokratie", sondern sie haben inzwischen erkannt, dass sie sich in der sogenannten Demokratie nicht "in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen" können. Da hat die Masse der Ostdeutschen mehr gelernt als Großmaul Biermann.

Was bringt einen immer größer werdenden Teil der Deutschen - nicht nur im Osten - so auf die Palme, dass sie einer reinen Protestpartei ihre Stimme geben? Vordergründig ist es das aus dem Ruder gelaufene Flüchtlings-Problem. Es werden Menschen in Regionen verteilt, wo schon die Einheimischen keine Berufs-Perspektive haben. Junge Menschen mussten aus Ostsachsen wegziehen, weil sie dort keine Lebensperspektive mehr sahen. In einigen Landstrichen hat sich so die Bevölkerungszahl halbiert. Und nun sollen dort Menschen eine Zukunft haben, die meistens keine Berufsausbildung haben, die deutsche Sprache nicht beherrschen und mit deutscher Kultur nicht vertraut sind?

Die Einheimischen in den Regionen fühlen sich verarscht und protestieren lautstark gegen die ignorante Politik der Bundesregierung. Die Wut der sich betrogen fühlenden Ostdeutschen wird von der herrschenden Politiker-Kaste und den Medien als "Fremdenfeindlichkeit" dargestellt, was aber höchstens zu einem kleinen Teil das Motiv trifft. Die Menschen in der DDR hatten durchaus auch Kontakte zu Fremden, die aber planmäßig in das Berufsleben oder eine Ausbildung bzw. Studium integriert waren. Jetzt aber werden Menschen planlos über das Land verteilt, wo sie vorhersehbar keine Perspektive haben, dafür aber jede Menge Probleme verursachen.

Das Flüchtlings-Problem war aber nur der sprichwörtliche Tropfen, der bei vielen das Fass zum Überlaufen brachte. Die weiteren Ärgernisse, nur in Stichworten und ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die nur den Banken und internationalen Großkonzernen dient. Auslandseinsätze der Bundeswehr, die von der eindeutigen Mehrheit der Deutschen abgelehnt werden. Vernachlässigung der Infrastruktur zugunsten von Steuergeschenken für die Reichen und einer vorgeblichen "Schuldenbremse". Konfrontationspolitik gegenüber Russland, die vor allem von den Ostdeutschen abgelehnt wird. Ankündigung von noch mehr Rüstungsausgaben statt einer Friedenspolitik, die 1990 angekündigt worden war.

Der Wut vieler Deutscher, ganz besonders im Osten, trifft auf weitgehendes Unverständnis der etablierten Berufspolitiker. Sie erregen sich über die "Populisten", statt die eigene Politik zu ändern. Die Bürger, die einmal alle vier Jahre zwischen mehreren Parteien wählen, sonst aber nur folgenlos protestieren können, haben in großer Zahl dem System das Misstrauen ausgesprochen. Aber wir können sicher sein: Die Festreden werden am 3. Oktober in gewohnter Form auf uns hernieder regnen.

Klaus-Dieter Wolff
28.09.2017


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