Transatlantisches Vasallentum

Erinnern wir uns: "Spionage unter Freunden - das geht gar nicht" - so empörte sich Bundeskanzlerin Merkel noch im letzten Herbst öffentlich. Inzwischen ist klar, dass die USA und die NATO-Freunde in England nicht im Entferntesten daran denken, ihre Lauschoperationen einzuschränken. Freundlicherweise hat Barack Obama zugesagt, dass wenigstens das Handy von Frau Merkel nicht mehr direkt abgehört werden soll - alles andere wird unverändert weiter gehen. Die Devise: "Kontrolle der Freunde ist gut, Belauschen ihrer internen Gespräche ist noch besser."

Offenbar hat Frau Merkel erkannt, dass man gegen den Großen Bruder jenseits des Atlantiks nichts machen kann. Sie möchte lieber Gras über die Angelegenheit wachsen lassen und die Snowden-Enthüllungen nicht weiter zur Kenntnis nehmen. Sie, ihr SPD-Koalitionspartner und die Mehrzahl der NATO-Europäer haben sich mit ihrer Vasallen-Rolle abgefunden.

Wie die USA über ihre "Verbündeten" denken, wurde einer breiteren Öffentlichkeit im Jahre 2010 bekannt. Durch die Veröffentlichung diplomatischer US-Berichte durch WikiLeaks konnte man nachlesen, wie US-Diplomaten in herablassender Weise über Politiker und Regierungen ihrer Gastländer schrieben. Grobschlächtige Cowboy-Denkweise und eine unverblümte Rüpelsprache kennzeichnen die amerikanische Diplomatie.

Jüngstes Beispiel war das am 4. Februar 2014 abgehörte Telefongespräch von Victoria Nuland mit dem US-Botschafter für die Ukraine, Geoffrey Pyatt. Ihr "Fuck the EU" wurde in allen Medien zitiert - freie Übersetzung "Scheiß´ auf die EU". Während Bundeskanzlerin Merkel noch an ihrem Zögling Vitali Klitschko festhielt und der deutsche Außenminister Steinmeier mit dem gewählten ukrainischen Präsidenten Janukovitsch über eine Deeskalation der Krise verhandelte, stellten die USA die Weichen ohne Rücksicht auf ihre europäischen Vasallen. Frau Nuland favorisierte "Jats" (Arseni Jazenjuk), der dann Drehbuch-gemäß auch Ministerpräsident der Ukraine wurde. Vorher musste nur noch Präsidenten Janukovitsch weg geputscht werden, wodurch natürlich auch Steinmeier und seine Außenminister-Kollegen diskreditiert wurden. Aber was macht das schon: Europa denkt, der Große Bruder in den USA lenkt. Da können die kleinen Pinscher in Europa nicht auf einer eigenen Politik beharren.

Allerdings lief der Ukraine-Putsch dank Wladimir Putin doch nicht ganz nach Drehbuch ab. Mit einem gut organisierten, weitgehend gewaltfreien Eingreifen auf der Krim wurde "der Westen" in der Weltöffentlichkeit blamiert. Die Wut in der veröffentlichten Meinung ist groß. Die führenden Politiker und die Main-Stream-Medien ergehen sich zu etwa 80% in Russland-feindlichen Kommentaren. Bemerkenswerterweise ist das Leserecho in den Foren der Online-Medien genau entgegengesetzt: Etwa 80% der Leserkommentare halten das Geschrei um angebliche Völkerrechtsverletzung für heuchlerisch und die Willensäußerung der Bevölkerung der Krim für eine demokratische Normalität. Die US-gesteuerten Schreiberlinge in den Redaktionsstuben kriegen Kontra von ihren Lesern, und die Eskalations-lüsternen Politiker in den Parlamenten stehen im Widerspruch zu ihren Wählern.

Im deutschen Bundestag blieb es Gregor Gysi vorbehalten, die einseitige, rechthaberische Politik des Westen zu kritisieren, wohingegen die Grünen die Regierungskoalition noch an Kriegsgeschrei zu überbieten versuchen. Inzwischen sind nachdenkliche Stimmen auch von Senior-Politikern der etablierten Parteien zu hören; so z.B. Erhard Eppler (SPD), Armin Laschet (CDU), Günter Verheugen (SPD), Willy Wimmer (CDU), Ludger Volmer (Grüne). Unter den Journalisten ist es das "Urgestein" Peter Scholl-Latour, das den Journalisten-Kollegen Mitwirkung an einer von den USA gesteuerten "Massenverblödung" vorwirft.

Wenn es nach den USA geht, sollen die Europäer Putin "bestrafen" und dafür selbst wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen. Werden die europäischen Vasallen so blöd sein? Noch ergehen sie sich in verbalem Radikalismus. Hoffentlich schaffen sie es bald, vom Kronleuchter herunter zu kommen und eine Friedenspolitik zu machen, die ihre Völker wollen.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
20.03.2014


zurück