Neue Sonnenschein-Politik in Korea?

In den 1990er Jahren vereinbarten Nordkoreas Generalsekretär Kim Jong-il und Südkoreas Präsident Kim Dae-jung eine "Politik der verstärkten Kooperation in politischen, wirtschaftlichen und Sicherheitsfragen". Damit wurde fünf Jahrzehnte nach dem Ende des blutigen Korea-Krieges der Versuch einer Entspannung eingeleitet. Nach den von den USA gestützten diktatorischen südkoreanischen Regimen von Syngman Rhee, Chun Doo-hwan und Park Chung-hee mit ihrer andauernden Konfrontation gegen den Norden schien damit ein leidlich demokratischer Politiker den Kalten Krieg auf der koreanischen Halbinsel beenden zu wollen. Das bestehende Waffenstillstands-Abkommen sollte endlich in einen Friedensvertrag überführt werden. Kim Dae-jung erhielt für seine sogenannte "Sonnenschein-Politik" im Jahre 2000 den Friedensnobelpreis.

Die Entspannung auf der koreanischen Halbinsel gefiel allerdings nicht allen: Die USA und Kims Nachfolger Roh Moo-hyun bevorzugten offenbar die alte Konfrontation am Rande des heißen Krieges. Die Beendigung der Sonnenschein-Politik gipfelte im März 2010: Es wurde ein See-Zwischenfall inszeniert, bei dem der südkoreanische Zerstörer "Cheonan" sank. Die USA und Südkorea beschuldigen den kommunistischen Norden, das Kriegsschiff mit einem Torpedo versenkt zu haben, was Nordkorea allerdings immer bestritt. Auch die chinesische Regierung wies die amerikanisch-südkoreanische Darstellung der Ereignisse als unglaubwürdig zurück.

Nichtsdestoweniger hatten die USA und das neue Regime in Südkorea einen Aufhänger für ihren Politikwechsel. Seitdem wurden mehrere gemeinsame provokative Land- und See-Manöver durchgeführt. Nordkorea seinerseits sah sich veranlasst, sein eigenes Abschreckungspotential weiter aufzubauen und das zwischenzeitlich eingestellte Kernwaffenprogramm wieder aufzunehmen. Die Schuld für die erneute Konfrontation wird natürlich dem Norden zugeschoben. Die Main-Stream-Medien üben sich in den altbekannten Klischees: Nordkorea wird wieder als "unberechenbar" und "aggressiv" dargestellt.

Hintergrund ist das seitens der USA ausgerufene "Pazifische Jahrhundert": Die USA wollen "nicht nur eine pazifische Macht bleiben, sondern ihr Gewicht im Pazifikraum noch ausbauen." China wird als Rivale angesehen, den man eindämmen möchte. Um sich vor der Haustür Chinas weiter militärisch ausbreiten zu können, bieten natürlich Spannungen zwischen Nord- und Südkorea eine plausible Begründung für die Weltöffentlichkeit. Aus dem selben Grunde werden auch China-feindliche Kräfte in Japan und Taiwan unterstützt.

Nun also hat Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un die vertraute Konfrontation gestört und schlägt ein radikales Umsteuern vor. Auf der anderen Seite scheint sich auch etwas zu bewegen: In Südkorea wurde im Dezember die konservative Politikerin Park Geun Hye als Präsidentin gewählt. Sie hat sich von der Linie ihres Vorgängers Lee Myung Bak gegenüber dem Norden distanziert und sich wieder für eine stärkere Zusammenarbeit mit Nordkorea ausgesprochen.

Es könnte also sein, dass die "Sonnenschein-Politik" wieder aufersteht. Das wird nicht allen Geostrategen recht sein. Bestimmte Medien ätzen in vertrauter Weise gegen Kim Jong-un und seinen Vorstoß. Spiegel-Online fragt in alt-demagogischer Weise: "Warum rüstet der Norden weiter auf, wenn er angeblich Frieden will?" Ein Forum-Beitrag fragt passend zurück: "Warum rüsten die USA ständig auf, wenn sie doch angeblich Frieden wollen?" Der Weg zu Frieden und Abrüstung ist gerade in Korea nicht einfach. Einseitige Vorleistungen sind dort noch weniger zu erwarten als anderswo. Hoffen wir, dass die Koreaner ihre eigenen Interessen erkennen.

Klaus-Dieter Wolff
01.01.2013


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