Syrien-Luftzwischenfall:
Gespielte Empörung der Aggressoren

Am Freitag, den 22. Juni 2012, schoss die syrische Luftabwehr am östlichen Mittelmeerrand ein türkisches Aufklärungsflugzeug ab. In einem überraschend klaren Kommentar von Rolf Clement im Deutschlandfunk am 23.06.2012 um 19.05 Uhr stellte dieser fest: "Zwischenfälle dieser Art geschehen nicht zufällig." Logischerweise kommt er zu der Einschätzung, dass hier die türkische Luftwaffe die syrische Luftabwehr testen wollte - mit der Erkenntnis, dass man im Falle Syrien kein so leichtes Spiel haben würde wie in Libyen.

Nicht ganz überraschenderweise "verzichtete" der Deutschlandfunk, diesen Kommentar in der Textversion zu archivieren (was sonst üblich ist) und somit im Internet leicht zugänglich zu machen. Eine so hellsichtige Interpretation des Ereignisses würde ja die ganze Angelegenheit viel zu früh auf den Boden der Tatsachen zurückführen. Stattdessen werden wir durch die Main-Stream-Medien überschüttet von Äußerungen der "Empörung" über die "völlig unangemessene Reaktion Syriens" und den mittlerweile üblichen Drohungen von US-Außenministerin Clinton. Auf der anderen Seite rufen Russland (das in Tartus/Syrien den einzigen Mittelmeer-Stützpunkt hat) und auch der Iran zur Zurückhaltung auf.

Was sind - bei allem Vorbehalt - die derzeit nachvollziehbaren Fakten? Die von Syrien veröffentlichten Flugdaten eines Aufklärungsflugzeuges vom Typ F4-Phantom legen nahe, dass mit Scheinangriffen die syrische Luftabwehr getestet werden sollte: Zum Einen sollte die syrische Reaktionsfähigkeit überhaupt getestet werden; zum Anderen sollte das Einschalten der syrischen Feuerleitradars provoziert werden, um die entsprechenden Radar-Daten aufzeichnen zu können. Derartige Daten werden benötigt, um bei einem großangelegten Luftangriff Hintergrundstör-Flugzeuge effektiv zu programmieren und die Täuschantwortsender der Angriffsflugzeuge mit aktuellen Daten füttern zu können. Also eine aktuelle Datensammlung zur Vorbereitung eines möglichen Angriffs.

Die türkische Behauptung, man habe nur ein (eigenes) Radarsystem testen wollen, ist dagegen sehr unglaubwürdig: Derlei Tests würde man nicht in unmittelbarer Nähe der Grenze zu einem potentiellen Gegner durchführen. Da bekanntlich in Syrien ein Bürgerkrieg stattfindet, der von türkischem Territorium aus mit Waffen, Informationen und durch geduldetes Einschleusen von illegalen Kämpfern unterstützt wird, darf die Türkei auch nicht mit besonders konziliantem Verhalten rechnen, wenn ein Militärflugzeug "versehentlich" mehrfach den Luftraum verletzt.

Ob die türkische Luftwaffe die gewünschten Radar-Daten gewonnen hat, bleibt unklar. Wahrscheinlich scheint zur Zeit nur, dass die beiden Piloten ihren Auftrag mit dem Leben bezahlt haben. Der Image-Verlust der türkischen Luftwaffe ist groß, weshalb martialische Gesten angebracht erscheinen. Möglicherweise wird aber auch von Seiten der USA und der NATO der propagandistische Übergang gesucht, um die türkische Provokation als syrische Provokation umzudeuten und weitere Eskalations-Maßnahmen zu rechtfertigen.

Wir erleben am aktuellen Beispiel abermals die Instrumentarien der Manipulation der Weltöffentlichkeit, um imperialistische Gewaltakte vorzubereiten bzw. zu legitimieren. Natürlich sind dabei die bekannten Vokabeln von Demokratie, Schutz der Menschenrechte, Verhinderung eines Völkermordes usw. reichlich zu hören. Man sollte meinen, dass die Öffentlichkeit immun geworden sei, wenn die immer gleichen Lügen erklingen. Leider scheint das aber noch nicht der Fall zu sein: Das demografische "Feedback" scheint den Manipulatoren zu signalisieren, dass auch die dreistesten Lügen immer noch ihre Wirkung haben, wenn sie nur oft genug und laut genug wiederholt werden.

Wir in Deutschland sollten uns nicht wundern, wenn bald auch noch unser präsidialer Oberpriester Gauck dazu ein kriegsförderndes Wort verkünden wird (sicher nicht "Schwerter zu Pflugscharen" sondern eher etwas in Richtung "Verteidigung der Freiheit" und "wehrhafte Demokratie"). Wer den Frieden will, für den ist es nach dem Sieg der "friedlichen Revolution" nicht einfacher geworden, eher im Gegenteil. Dennoch: Treten wir den Heuchlern und Propagandisten - gleichgültig in welcher "religiösen" oder "demokratischen" Maske - entgegen. Militärisches Eingreifen hat in bisher jedem Konflikt die Lage nur verschlimmert.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
26.06.2012


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