November: Gedenken an die Kriegsopfer

Traditionell ist der November der Monat des Totengedenkens. Am Wochenende vor dem Totensonntag ist der "Volkstrauertag", der Tag des Gedenkens an die Kriegsopfer. Im Zeitraum 1. bis 20. November werden uns immer wieder Mitmenschen mit der Sammelbüchse begegnen - viele davon in Uniform -, die für die Pflege von Soldatengräbern sammeln.

Nach Kriegsende 1945 hatten die Menschen zunächst andere, fundamentalere Überlebenssorgen. Kriegerwitwen mussten kämpfen, um ihre vaterlosen Kinder satt zu kriegen, Kriegskrüppel mussten sich auf ein armseliges Leben einstellen, Kriegsgefangene hofften auf ihre Entlassung. Erst mit Beginn der Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik besann man sich wieder auf die toten Soldaten aus zwei Weltkriegen: Im Jahr 1952 wurde das "Gesetz über die Sorge für Kriegsgräber" vom Bundestag verabschiedet. Seitdem werden die Überreste von Soldaten - soweit man sie noch identifizieren kann - in Sammelfriedhöfe umgebettet; insgesamt ca. 4,6 Millionen deutsche Soldaten. Wer die riesigen Soldatenfriedhöfe in Nordfrankreich gesehen hat, wird sich eines bedrückenden Gefühls kaum erwehren können. Noch niederdrückender ist das "Ossuaire de Douaumont" bei Verdun, wo Gebeine von über 130.000 nicht mehr identifizierbaren französischen und deutschen Soldaten aufbewahrt werden.

Während von den 17 Millionen Kriegstoten des ersten Weltkriegs noch ca. 10 Millionen Soldaten waren, überwiegen im zweiten Weltkrieg bei geschätzten 50 bis 70 Millionen Toten die Zivilisten. Die Überlebenden schworen 1945: Nie wieder Krieg. Doch die Weichen in Adenauers Teil Deutschlands wurden gegen den Volkswillen auf Wiederbewaffnung gestellt. Parallel dazu begann wieder die Pflege des Kultes um die toten Soldaten, die propagandistische Reinwaschung der Wehrmacht und die Einbeziehung der Kirchen in die wieder zu schaffenden Streitkräfte. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde von Teilen der Bevölkerung in Deutschland keineswegs als Bestandteil einer Friedensbewegung wahrgenommen. Viele erkannten, dass dieses nur die Begleitmusik zu neuen Kriegsvorbereitungen war.

Heute, 20 Jahre nach der "Wiedervereinigung", hat sich die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zur weltweit einsetzbaren Interventionsarmee gewandelt. Konsequenterweise wird auch wieder der Soldatentod heroisiert. In düsteren Gedenkveranstaltungen, in Anwesenheit von Militärgeistlichen beider christlicher Kirchen, wird an die "Opfer von Krieg und Gewalt, aber vor allem auch an die Gefallenen der Deutschen Bundeswehr" erinnert. Im Marineehrenmal in Laboe, das 1936 in Anwesenheit Adolf Hitlers eingeweiht wurde, steht auf einer Gedenktafel unverändert: "Sie starben für uns". Für uns? Doch wohl eher für die imperialistischen Interessen der Konzerne und des deutschen Größenwahns!

Ja, wer Kriege zur Durchsetzung "deutscher Interessen" wieder für normal hält, muss konsequenterweise auch wieder den Soldatentod moralisch überhöhen. Die toten deutschen Soldaten werden mit Schwarz-Rot-Gold bestattet, die afghanischen Opfer werden nicht einmal gezählt. Heldenphrasen, pseudo-religiöse Rituale ("Ich bete an die Macht der Liebe..."), vaterländische Töne - damit wurden schon unsere Väter und Großväter verdummt. Bundespräsident Wulff forderte anlässlich seines Afghanistan-Besuchs "mehr Rückendeckung für die Soldaten im Auslandseinsatz". Dass die Mehrheit der Deutschen unsere Kriegsbeteiligung ablehnt, stört ihn offenbar nicht.

Um nicht missverstanden zu werden: Soldat ist nicht gleich Soldat. Wer seine Heimat gegen einen Angriff verteidigt, darf nicht dem Aggressor gleichgestellt werden. Selbst bei den Aggressoren muss unterschieden werden zwischen dem fanatischen Kämpfer und dem gepressten Wehrpflichtigen, zwischen dem zynischen Mörder und dem notgedrungen in Verbrechen Hineingezogenen. Das Soldatengrab macht sie alle gleich? Mit Sicherheit nicht!

Am 27. Oktober 2011 meldete die Financial Times Deutschland: "Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen macht künftige Auslandseinsätze der Militärallianz nach dem Modell der Libyen-Operation nicht von einem Mandat des Uno-Sicherheitsrats abhängig. Ein solches Mandat sei zwar wünschenswert, sagte Rasmussen am Donnerstag. Aber auch klare moralische Prinzipien könnten einen Einsatz legitimieren." Hinter diesen hochstaplerischen Phrasen erkennt man ganz klar den menschenverachtenden Zynismus und den imperialen Charakter der neuen NATO. Wir dürfen nicht zulassen, dass deutsche Soldaten dort weiter mitmachen. Und wir dürfen nicht zulassen, dass das Gedenken an die Millionen Kriegsopfer missbraucht wird zur Gewöhnung an die angebliche Normalität von Kriegen.

Klaus-Dieter Wolff
28.10.2011


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