7. Oktober:
Die Erinnerung an die DDR ist nicht tot zu kriegen

Vor 62 Jahren wurde - als Reaktion auf den westdeutschen Separatstaat - die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Wenige Tage vor Ablauf ihres 41sten Jahres, das ein Jahr der Erneuerung hätte werden sollen, wurden die hoffnungsvoll begonnenen Reformprozesse abgewürgt: Alle Normen und Gesetze des kapitalistischen Systems wurden der DDR übergestülpt; alle Wesensmerkmale einer sozialistischen Gesellschaftsordnung wurden mit Hilfe vom Westen gesteuerter Marionetten beseitigt.

Eine Generation, die keine eigenen Erinnerungen mehr an die DDR hat, ist inzwischen herangewachsen. Man sollte meinen, alles wäre nun Geschichte. Aber die Herrschenden sehen sich genötigt, mehr denn je auf die gewesene DDR einzuprügeln. Bundespräsident Christian Wulff, der 1961 zwei Jahre alt war, meint, den Deutschen die Ereignisse des 13. Augusts 1961 erklären zu müssen. Worte wie "Versöhnung" kommen selbst dem Bundespräsidenten kaum über die Lippen; die DDR soll nur noch als das Werk von Verbrechern dargestellt werden.

Den Vogel im Anti-DDR-Furor schießt die sogenannte Stasi-Unterlagen-Behörde ab. Ihr erster Leiter, der evangelische Pastor Joachim Gauck, gab sich mit süffisant-säuerlichem Lächeln noch den Anschein einer gewissen kühlen Sachlichkeit. Der CDU-Politiker Rainer Barzel nannte ihn 1992 in einem Gastkommentar im Bonner "Generalanzeiger" den "Großinquisitor", eine m.E. treffende Kennzeichnung. Seine Nachfolgerin, die evangelische Religionslehrerin Marianne Birthler, erschien dagegen sehr viel verbissener und versuchte vor allem, ihren Intimfeind Manfred Stolpe mit Hilfe ihrer Akten abzuschießen, was ihr allerdings dank der schützenden Hand der SPD nicht gelang. Mit dem neuen Leiter Roland Jahn wird nun das dritte Jahrzehnt der "Aufarbeitung der DDR-Diktatur" in nochmals verschärfter Gangart eingeleitet. Nach einer Zeit, nach der bereits alle Straftaten außer Mord (falls es den gegeben hätte) verjährt sind, sollen Sachverhalte, die niemals eine Straftat waren, kriminalisiert und in abermals intensivierter Form verfolgt werden.

Nun wäre gegen eine objektive Erforschung der Tätigkeit der Geheimdienste im Kalten Krieg nichts einzuwenden, - wenn sie denn unparteilich, im historischen Kontext und mit Blick auf beide Seiten stattfände. In Hinblick auf die "Organisation Gehlen" bzw. den daraus hervorgegangenen Bundesnachrichtendienst BND beginnt dies erst seit Kurzem und mit nur begrenzter Akteneinsicht. Was bisher von der "Unabhängigen Historikerkommission" zum Netzwerk von Naziaktivisten und Kriegsverbrechern festgestellt wurde, ist für Insider zwar nicht neu, sollte aber allen gläubigen Alt-BRDlern die Zornesröte ins Gesicht treiben. Auch Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt BKA bedienten sich ungeniert hoher Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher. Für diese wahrhaft skandalöse Geschichte der Geheimdienste der Alt-BRD ist aber ein Herr Jahn mit seinem großen, gut bezahlten Personalapparat nicht zuständig. Nur die verordnete Delegitimierung der DDR soll der Öffentlichkeit ad infinitum eingehämmert werden.

In den 1960er Jahren stellte der italienische Rechnungshof in einem Bericht an das italienische Parlament fest, dass es noch immer eine Behörde zur Regulierung der Kriegsschäden der Schlacht von Solferino gebe (die Schlacht fand bekanntlich im Juni 1859 statt). Herr Jahn will offensichtlich mit seiner Behörde diesen bisherigen Rekord überbieten. Die Notwendigkeit der Aufklärung werde es ewig geben, sagte er kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Der Anti-DDR-Furor - in Wirklichkeit aber die Verleumdung von jeglichem Gedanken an Sozialismus - soll ewig weiter gehen.

Frei nach William Faulkner möchte man sagen: "Die DDR ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen." Nein: Die DDR ist Vergangenheit. Sie wurde von ihren Staatsbürgern in der Krisensituation 1989/90 nicht verteidigt. Der unter den Bedingungen des Kalten Krieges entstandene, unvollkommene Sozialismus auf deutschem Boden konnte beseitigt werden. Aber den vermeintlichen Siegern der Geschichte sitzt dennoch die Angst im Nacken: Der außer Rand und Band geratene Kapitalismus delegitimiert sich zunehmend selbst. Inzwischen dämmert es auch vielen seiner bisherigen Propheten, dass eine Alternative, wie die DDR sie hätte werden können, dringend benötigt wird. Dagegen helfen auch keine zehn Jahn-Behörden.

Klaus-Dieter Wolff
05.10.2011


zurück