Alle Jahre wieder am 3. Oktober:
Friede, Freude, Eierkuchen

In diesem Jahr ist Nordrhein-Westfalen an der Reihe, die "Zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit" auszurichten; Hauptschauplatz ist der ehemalige Regierungssitz Bonn. Mit Bürgerfest, Festparaden, Konzerten und - wie sollte es anders sein - einem Ökumenischen Festgottesdienst. Der Gottesdienst soll live in der ARD übertragen werden. Ja, man muss schon - wie zu Kaisers Zeiten - den Lieben Gott einspannen, wenn unter dem Motto "Freiheit, Einheit, Freude" staatsoffizieller Jubel verordnet werden soll.

Die wirtschaftliche Realität ist inzwischen auch für immer mehr Bürger im Westen alles andere als erfreulich. Die Angst um den Arbeitsplatz sitzt immer mehr Menschen im Nacken. Die Einkommen aus abhängiger Arbeit und die Renten haben sich - inflationsbereinigt - abwärts entwickelt; die Gewinne konzentrieren sich immer mehr in den Taschen einiger Weniger.

Nach dem katastrophalen Wirtschaftseinbruch vor drei Jahren hat das Bruttosozialprodukt wieder das Vorkrisen-Niveau erreicht. Das ist für die Propagandisten des Kapitalismus Anlass, von einem "Aufschwung XXL" zu schwadronieren. Die Ausbreitung von Minijobs und schlecht bezahlten Zeitarbeitsverträgen soll dem Volke als "Jobwunder" verkauft werden. Inzwischen ist jedoch in der Wirtschaftspresse zu lesen, dass der nächste, vielleicht noch dramatischere Konjunktureinbruch zu befürchten ist.

Klar ist jedenfalls schon, dass Deutschland etliche seiner Nachbarländer in den Ruin getrieben hat. In Griechenland sollen Zehntausende Beamte entlassen, Renten radikal gekürzt und zusätzliche Steuern erhoben werden. Vielen Griechen droht endgültig der Totalabsturz. Als nächstes ist Italien an der Reihe. Selbst Frankreich hat sich das Vertrauen der "Finanzmärkte" verscherzt. Auch der wirtschaftspolitisch wenig versierte Bürger kann sich ausrechnen, dass Deutschland nichts davon haben wird, wenn die deutschen Banken ihre faulen Forderungen gegenüber den Pleitestaaten als Verluste abschreiben müssen. Eine abermalige Rettungsaktion zu Lasten der Steuerzahler ist dann fällig.

Der entfesselte Kapitalismus zeigt seine zerstörerische Kraft. Die Zauberlehrlinge des Systems erweisen sich als hilflos. "Die Krise frisst sich nach Kerneuropa durch", schreibt die Süddeutsche Zeitung". Es sind nicht mehr nur die "Jammer-Ossis", deren Lebensperspektiven sich verdunkelt haben. Es sind nicht mehr nur ehemalige DDR-Funktionsträger und wir, die Kundschafter der DDR, die im Rahmen der "Wiedervereinigung" abgestraft wurden. Auch für immer mehr "Wessis" zeigt sich der wahre Charakter des Systems.

Jubel soll herbeigeredet und herbeigeschrieben werden. Der gesteuerte Kampagnenjournalismus veröffentlicht einen "Glücksatlas Deutschland". "Die Deutschen sind so zufrieden wie lange nicht", soll den Bürgern allen Ernstes suggeriert werden.

Wir wollen keine Miesmacher sein: Die Mehrzahl der Deutschen muss sich gegenüber dem Rest der Welt immer noch privilegiert fühlen. Aber für eine Jubelstimmung unter dem Motto "Freiheit, Einheit, Freude" (früher sagte man "Friede, Freude, Eierkuchen") ist weniger denn je Anlass.

Dieter Popp und Wolfgang Bergmann
23.09.2011


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