Kapitalismuskrise und neue Fremdenfeindlichkeit

Seit ein paar Wochen wird von der Wirtschaft und den Main-Stream-Medien ein angeblicher Fachkräftemangel an die Wand gemalt. In deutlichem Widerspruch dazu ermittelte das Statistische Bundesamt, dass sich fast neun Millionen Menschen mehr Arbeit wünschen - ein gewaltiger Kontrast zu den angeblich nur noch drei Millionen Arbeitslosen. Nach wie vor gibt es in der Volkswirtschaft reichlich ungenutzte oder unterbeschäftigte Arbeitskraft; auch hochqualifizierte, aber "zu alte" Ingenieure, Informatiker usw. Die Wirtschaft möchte jedoch lieber billige Kräfte von draußen, um mehr Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen ausüben zu können. Auch die Kosten für Aus- und Fortbildung möchten die Unternehmen lieber sparen, wenn die gewünschten Fachkräfte schnell und billig aus dem Ausland abgeworben werden könnten. (Ob das wirklich so aufgeht, ist eine ganz andere Frage. Schließlich wachsen die Fachkräfte z.B. in Indien oder Korea auch nicht auf den Bäumen.)

Ganz unpassend dazu schüren konservative Politiker das Misstrauen gegen Migranten, insbesondere aus islamischen Ländern. Ohne direkt an die rassistischen Thesen von Thilo Sarrazin anzuknüpfen, wird ein "Integrations-Problem" thematisiert. Nachdem jahrzehntelang verdrängt wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, wird nun in forderndem Ton die angeblich verweigerte Integration angemahnt. Besonders Horst Seehofer tut sich mit reaktionärem Getöse hervor und verkündet "Multi-Kulti ist tot". Die Migranten hätten sich der deutschen "Leitkultur" und dem "christlichen Menschenbild" unterzuordnen. "Integrationsverweigerern" werden Bußgelder angedroht.

Während die englischsprachigen Manager der Private Equity-Gesellschaften Goldman-Sachs, Apax, Providence Equity oder ähnlicher "Heuschrecken" es nicht nötig haben, Deutsch zu lernen und sich der deutschen Unternehmenskultur anzupassen, sollen die türkischstämmigen Arbeitskräfte gut Deutsch können und sich ansonsten möglichst unsichtbar machen. Ob in dieser wenig einladenden Atmosphäre hochqualifizierte ausländische EDV-Experten ausgerechnet nach Deutschland kommen, darf allerdings bezweifelt werden.

Was erwartet man, wenn Integration gefordert wird? Sollen Muslime Schweinefleisch essen und den Kölner Karneval schön finden? Wenn sie es möchten - herzlich willkommen. Aber sie dürfen genausogut die Traditionen ihrer Herkunftsländer pflegen, so wie ausgewanderte Iren in den USA oder Sudetendeutsche in Bayern. Dass in Deutschland deutsche Gesetze zu respektieren sind, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Und dass es vorteilhaft ist, die Sprache des Landes zu beherrschen, wenn man - vielleicht entgegen der ursprünglichen Absicht - auf Dauer hier leben will, muss den Menschen auch nicht eingeknüppelt werden.

Was also soll das Gebräu aus behauptetem Fachkräftemangel einerseits und geschürter Fremdenfeindlichkeit andererseits? Sofern man unseren selbsternannten Vordenkern in Politik und Wirtschaft logisches, widerspruchsfreies Denken nicht absprechen will, muss man eine gezielte Verunsicherungs- und Vernebelungstaktik erkennen. Offenbar möchten interessierte Kreise die Bevölkerung von den sie betreffenden realen Themen ablenken. Als da sind: Rente mit 67, Aushöhlung der Kranken- und Rentenversicherung, sinkende Reallöhne, Mega-Geschenke an die Banken und neuerdings erneute Rüstungsausgaben für eine angeblich erforderliche Raketenabwehr.

Schon immer kannte man das Prinzip "teile und herrsche". Die Armen ausspielen gegen die noch ärmeren; die schlecht bezahlten Leiharbeiter gegen die Arbeitslosen; die unterprivilegierten Deutschen gegen die unterprivilegierten Türken. Soziale Verunsicherung und Hetze gegen Fremde (früher die Juden, jetzt die Moslems) - das sind die Rezepte, mit denen Deutschland vor 80 Jahren schon einmal aus einer Kapitalismuskrise in die Katastrophe geführt wurde.

Dieter Popp
19.10.2010


zurück