Günter Grass:

Legende am Ende oder Ende einer Legende?

Die späte Offenbarung, sich als 17-jähriger Hurra-Patriot bei der Waffen-SS angedient zu haben, könnte zwei Gründe haben: Entweder ist er der Enthüllung zuvorgekommen oder er will sein neues Buch "Beim Häuten der Zwiebel" mit "a bad news is a good news" zum Erfolg führen. 150.000 Vorbestellungen sprechen für sich. Möglicherweise treffen beide Gründe zu.

Etwas blauäugig seine Reaktion auf den weltweiten Aufschrei: "Ich habe nicht damit gerechnet, daß meine späte Enthüllung so ein Aufsehen erregt." Es mehren sich die Stimmen, ihm den Nobelpreis und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig abzuerkennen. Davon, daß Juden deportiert wurden, hat er in Danzig selbstverständlich nichts mitbekommen; Rassismus erst erlebt, als er sah, wie in der US-Armee Schwarze von Weißen diskriminiert wurden.

Angekreidet wird ihm auch, daß er als Saubermann Künstler denunzierte wie Albert Vigoleis Thelen und Heinar Kipphardt in den siebziger Jahren, den er gemeinsam mit dem damaligen Münchner SPD-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel erfolgreich als Dramaturg der Münchner Kammerspiele absetzen ließ.

War doch eine andere Zeit und heute nach 61 Jahren hat man und frau doch eine andere Sicht der Dinge. Das ist zu einfach, auch wenn namhafte Historiker Grass in Schutz nehmen. Wer gegen Globke und Kiesinger auf die Straße gegangen ist und dann als Beichte oder Gewinnsucht "die braunen Hosen herunterläßt", der hat kein kleines braunes Geheimnis gelüftet, sondern nur den Platz markiert, auf den er sich jetzt stellen kann, nein muß. "Das mußte endlich raus"; nein er muß raus, ganz raus aus der Gruppe der Bieder- und Ehrenmänner.

Dieter Popp
16.08.06


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