"Erzwungene Wege" im Sommerloch

Fluchtausstellung mit europäischer Perspektive, aber ohne den Holocaust

Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und CDU-MdB, hält es für einen geschickten Schachzug, ihrem Ziel, dem Berliner "Zentrum gegen Vertreibungen" mit der Ausstellung "Erzwungene Wege" den Weg zu ebnen. Frau Steinbach war zwar bei der Flucht aus Westpreußen erst zwei Jahre alt, ihre Mutter kam aus Bremen und der Vater aus Hanau; aber das ist wohl eine typische Biographie der noch übriggeblieben politisch aktiven Vertriebenen.

Mit dem Trick, die Folgen des Hitlerfaschismus auszuklammern und die Fluchtbewegung vor den überfallenen Sowjets und Tschechen in andere Fluchtbewegungen im Europa des 20. Jahrhundert einzugliedern, kommt sie zu den Etikett "Erzwungene Wege". Beginnend mit dem Völkermord an den Armeniern 1915/16, dann die Umsiedlung der West-Karelier 1939-44, Deportation von Polen, Balten, Ukrainern und Russlanddeutschen 1939-49 oder der Italiener aus Jugoslawien 1944 und fehlen dürfen auch nicht die Bosnier vor nicht so langer Zeit.

Makaber ist eine ausgestellte Schiffsglocke der mit Flüchtlingen untergegangenen "Wilhelm Gustloff". Hier wird Ursache und Wirkung bzw. Fluchtelend und -tod auf den Kopf gestellt.

"Die Zeit" nennt die Ausstellung: »Trübe Vitrine der Vertreibung.- "Erzwungene Wege" entlastet die deutsche Geschichte und erschwert die Beziehungen zu Polen.«

Sind die Vertriebenenverbände in der Bundesrepublik Organisationen von unverbesserlichen Revanchisten? Die Ausstellung gibt hierfür Ansatzpunkte. Den deutsch-polnischen Grenzvertrag von 1990 sucht man in der Ausstellung vergeblich. Denn bis zum 2+4-Vertrag galt die alte deutsche Ostgrenze von 1937; nach Vorstellung der Vertriebenenverbände gilt sie sicher noch heute.

Die von der CDU gehätschelten Vertriebenenverbände und -organisationen leiden auch noch über 60 Jahre nach dem furchtbaren deutschen Angriffskriegen und dem Holocaust an Realitätsverlust. Diese Ausstellung ist nicht nur peinlich, sie ist blanker Revanchismus, ungeschickt verpackt. Der polnische Botschafter lehnte die Einladung zur Ausstellungseröffnung ab; gut so!

Dieter Popp
11.08.06


Lesen Sie dazu:

Neues Deutschland, 11.08.2006
Schau über Vertreibung eröffnet
Meckel gegen Zentrum von Vertriebenen-Bund


Spiegel online, 10.08.2006
Ausstellung "Erzwungene Wege"
Auf schmalem Grat
Es gab Proteste von Linken, Rechten, Polen und Deutschen. In Berlin wurde eine Ausstellung zur Vertreibungsgeschichte des 20. Jahrhunderts eröffnet. Die Kuratoren wollen es allen recht machen, doch die wichtigste Frage bleibt offen: Wie lässt sich das Leid der Juden angemessen einordnen?


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