DE-JA-VU zum Libanon

Wer das aktuelle Geschehen im Nahen Osten in Berichterstattungen arabischer Fernsehsender, wie z.B. Al-Jazeera, verfolgt, wird beim Anblick dieser Bilder von ohnmächtiger Wut befallen. Die hierzulande einseitig gefärbten Medien für den Normalverbraucher haben mittlerweile die gewünschte geistige Zustimmung und Abgestumpftheit erzielt, wie schon bei den anderen Kriegsverbrechen im Nahen Osten, deren Aufzählung hier endlos wäre. Wer eine Einstellung der Kampfhandlungen im Libanon noch nicht dringlich erachtet, macht sich als Politiker mit an diesem Töten schuldig.

Warum verschleppt man diese Entscheidung? Klar ist, erst müssen die gewünschten Ergebnisse für die USA bei der "Neuordnung" des Nahen Ostens erreicht werden. Nachdem Verbündete sich als Besatzer in Afghanistan (ISAF) verdingen müssen und die Kiste im Irak gegen den Baum gefahren ist, muss man sich seitens der USA wieder neue willfährige Söldnertruppen ins Boot holen bei der Durchsetzung des Hauptzieles, die Ölreserven der Golfregion zu beherrschen. Dabei stört nur noch der Iran und Syrien. Deshalb führt Israel in der Sprechweise Krieg gegen die proiranische Hisbollah und nicht gegen den Libanon. Sollte Israel die gewünschte Pufferzone militärisch kurzfristig erstellen, wäre dann Zeit für eine Besetzung durch internationale "Friedenstruppen" (z.B. aus Ägypten, um dieses arabische Land näher an sich zu binden und den NATO-Staat Türkei, später ergänzt durch Italien, Frankreich, Norwegen, Griechenland und Deutschland) um die Existenz des Staates Israel und den internationalen Aufbau der zerstörten Infrastruktur im Libanon zu sichern. Dabei wäre eine Sicherheitsgarantie in Form einer NATO-Mitgliedschaft Israels nicht ausgeschlossen. Also robustes Mandat unter dem Deckmantel der UNO, der man mit dem Mord an vier unbewaffneten UNO-Soldaten pünktlich zum Rom-Gipfel demonstriert hat, wie unfähig man ist, selbst eigene Resolutionen umzusetzen. Robustes Mandat heisst auch, mit mehr Truppen als in Afghanistan, damit man nach Aussage eines Bundeswehr-Generals nicht immer nachbessern muss. Dann ist da noch die Hisbollah, abgestempelt als Terroristen, gegen die dann Krieg zu führen ist. Diese müssen entwaffnet und erst aus dem Libanon, dann aus dem Iran und den "Unterstützern" in Syrien vertrieben werden. Internationaler Kampf gegen die "Achse des Bösen". Geostrategisch verbunden mit mehr amerikanischer Militärpräsenz im Irak machen diese Ziele dann Sinn, nach dessen Erreichung man sich intensiver um die Energiereserven in Zentralasien ,am Kaspischen Meer und auch um unseren Erdgaslieferanten kümmern kann.

Kampf gegen den Terror, durch Länder, die Zivilisten in die Steinzeit bomben und Gefangene gefesselt in Hühnerkäfigen halten, falls Abu Ghraib überlastet ist. Jedes Opfer, egal ob heute in Beirut oder Haifa, aber auch aktuell in Bagdad oder Masar-el-Sharif geht auf die Kappe von diesen Scheinheiligen, die einen Waffenstillstand verhindern und sich die Rohstoffe der Welt aus Profitgier erobern wollen.

Montag 31.07.06: 46 Stunden Waffenruhe. Wie ich das sehe: Jede Minute, in der die Waffen im Krieg gegen den Libanon schweigen, ist ein Erfolg. Nach den schockierenden Bildern des Massakers am vergangenen Sonntag durch die israelische Luftwaffe in Kana ein Hoffnungsschimmer?! Intelligente Waffen, Präzisionsbomben - made in USA - die seit Tagen "Kollateralschäden" in ungeahntem Ausmaß unter Zivilisten, UN-Soldaten und zivilen Einrichtungen hervorrufen, werden im Eiltempo nachgeliefert. Falludjah, made of Israel? Politisch hätte man diese Waffenruhe schon von dem ersten Gefecht durchsetzen müssen. Ohne das Veto der USA wäre das möglich gewesen. Nun kondoliert Bush dem libanesischen Präsidenten makabrerweise zu den Opfern und "Condi" Rice verkauft die 48 Stunden Waffenruhe als diplomatischen Erfolg, die in spätestens 14 Tagen zum gewünschten US-politischen Erfolg umgemünzt werden kann. Der israelische Präsident Olmert lässt den humanen Konsens Israels bei der Vernichtung der Hisbollah, unterstützt durch diverse Lippenbekenntnisse seiner Minister und Generäle, medienwirksam vermarkten. Krokodilstränen, um geplante Ziele zu verschleiern. Ähnliche taktische Zeitfenster erlebte ich damals, als die Verbrechen Scharons in Sabrah und Shatillah geschahen. Zynismus pur. 48 Stunden, die den Zivilisten Südlibanons verbleiben, um ihre angestammten Wohngegenden zu verlassen, ihr Leben zu retten, gepaart mit der Aussage Israels, danach die Luftoffensive in diesem Gebiet zu intensivieren. Die Einwohner werden vertrieben und ihre Dörfer, Wohnungen und Häuser werden platt gemacht mit der Zielstellung, eine Pufferzone zu errichten. Für die Zivilisten also eine Flucht und Vertreibung ohne Wiederkehr. Damit wäre der Tatbestand einer ethnischen Säuberung erfüllt. Ethnische Säuberungen erfüllen einige der bei den Nürnberger Prozessen festgelegten Kriterien von Verbrechen gegen die Menschheit. Ethnische Säuberung bezeichnet bekanntlich die Vertreibung "unerwünschter" Bevölkerungsanteile aus einem definierten Territorium aufgrund von rassistischer, kultureller oder religiöser Diskriminierung und/oder aufgrund von strategischen oder ideologischen Erwägungen, insbesondere zur Herstellung eines ethnisch homogenen, geschlossenen Territoriums.

08.08.06: Ausweitung zum Flächenbrand im Nahen Osten wird immer realer

Die Gefahr wird immer größer, dass die Lage in der Zone des libanesisch-israelischen Konflikts die gesamte Region destabilisiert. Der Konflikt breitet sich in rasantem Tempo aus und kann in den nächsten Tagen auf Syrien übergreifen, von dem es dann zum Iran ganz nah ist. Deshalb ist die Perspektive eines umfassenden Nahost-Krieges derzeit realer als in den letzten 20 Jahren.

Der von Frankreich erstellte und von den USA gebilligte Resolutionsentwurf zur Einstellung des Krieges zwischen Israel und der libanesischen Gruppierung Hisbollah ist am Montag im UN-Sicherheitsrat gescheitert. Das Dokument wurde von der Regierung in Beirut abgelehnt. Diese Resolution würde die Präsenz der israelischen Militärs auf libanesischem Territorium legitimieren, erklärte Beirut seine Position. Das Hinauszögern der Annahme dieser Resolution bedeutet, dass auch eine andere wichtige Frage in die Länge gezogen wird - die Aufstellung einer internationalen Streitmacht unter der Schirmherrschaft der UNO. Indes bekunden die verfeindeten Parteien keine Kompromissbereitschaft. Mehr noch, es wird von beiden Seiten weiter getötet. Vor der Annahme der Resolution tauschen die rivalisierenden Seiten Schläge aus, um ihre "Erfolge" zu festigen. Es gibt immer weniger Hoffnungen auf eine baldige Beendigung der Kampfhandlungen. Das benachbarte Syrien hat bereits seine Streitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Mobilisiert ist ein Teil der Reservisten. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärte wie erwartet, dass der Iran in diesem Konflikt auf Seiten Syriens und auch der Hisbollah stehe. Dass die Hisbollah über neue Waffen verfügt, darunter moderne russische Panzerabwehrraketen Metis-M, europäische MILAN-Raketen sowie Raketen iranischer Bauart, zeugt davon, dass mehrere Regionalmächte in den Konflikt verwickelt sind. Dagegen haben es die westlichen Länder aus Rücksicht auf Israel und auf diplomatischen Druck der USA nicht eilig, sich in den Konflikt einzumischen. So erklären sich die Vereinigten Staaten lediglich bereit, den künftigen multinationalen Kräften im Libanon nachrichtendienstliche Informationen und Verkehrsmittel zur Verfügung zu stellen sowie Libanon logistische Hilfe zu leisten; verhindern und verschleppen in der Praxis aber einen Waffenstillstand.

Vor dem Hintergrund der libanesisch-israelischen Konfrontation nimmt sich die Zuspitzung der Lage im Irak besonders dramatisch aus. Am Montagmorgen kam es zu erbitterten Kämpfen. Auch der Widerstand in Afghanistan hat sich aktiviert. Nachrichtenagenturen meldeten am Montag, dass der größte NATO-Stützpunkt in Kandahar unter Beschuss genommen wurde. Gegenwärtig führen die NATO-Truppen aktive Kampfhandlungen zur Durchsetzung der Macht der Zentralregierung durch.

Ein gefährlicher, vermutlich nicht mehr beherrschbarer, eskalierender Konflikt braut sich nun im Nahen Osten zusammen. Mit von der NATO geführten "Friedenstruppen" könnten (oder müssten) wir vielleicht endlich bald mitmischen. "Out of area - german life!" - Das Sterben für ÖL und Profitinteressen geht nahtlos weiter. Wer in der heutigen Situation glaubt, die Probleme dieser Erde mit Waffengewalt aus der Welt schaffen zu können, denkt in prähistorischen Größenordnungen.

Warum berührt mich dieses Geschehen so sehr? Als Kind und Jugendlicher, in friedlichen Verhältnissen in Deutschland aufgewachsen ist, war mir Krieg, mit all seinen Schrecken, nur aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern vermittelt worden. Als junger Mann erlebte ich hautnah die Kampfhandlungen des Yom-Kippur-Krieges 1973 mit all seinen Auswirkungen in Syrien. Ich sah die Kriegsfolgen danach in Ägypten und begriff damals, was Krieg in der Praxis für die Völker bedeutet. Der Libanon;Beirut: "Paris des Osten" und die "Schweiz des Orients" kenne ich noch aus der Zeit vor seiner Zerstörung. Ein blühendes, pulsierendes Land. Ich erlebte dort den Zerfall durch den Bürgerkrieg mit dem Höhepunkt 1976 und den Libanonkrieg 1982 mit all seinen schrecklichen Folgen. Wenn ich heute den libanesischen Flüchtlingen in die Augen schaue, kann ich in etwa ermessen, was sie erleben/erlebten. Für mich waren das Schlüsselerlebnisse in meinem Leben, die mir meinen Entschluss, als Kundschafter für die DDR zu arbeiten, sehr leicht machte. Und was hatte es gebracht? 40 Jahre Frieden in Europa!

Nie wieder Krieg!

"Sturm" (Deckname)
Mai 1992 durch Verrat verhaftet
09.08.06


zurück