"Spuren" - Deutsche und Russen in der Geschichte

Ausstellung im Haus der Geschichte, Bonn

Das Bonner "Haus der Geschichte" war einst Lieblingskind von Helmut Kohl. Hier wollte er die neuere deutsche Geschichte nach seinen Vorstellungen inszenieren lassen und den Regierungssitz Bonn aufwerten. Seit Bonn seine Hauptstadtfunktion verloren hat, sind die Bonner ganz froh, auch dieses Museum in ihrer "Museumsmeile" als Attraktion zu haben.

Neben einer Standardausstellung, welche deutsche Geschichte von 1848 bis zum Mauerfall zeigt, gibt es zeitlich befristete Sonderausstellungen zu besonderen Themen. Aktuell werden nun die deutsch-russischen Beziehungen seit Zarin Katharina II. bis zum letzten Besuch von Gerhard Schröder bei Putin anhand einiger schlaglichtartig herausgegriffener Themen beleuchtet.

Das Haus der Geschichte legt Wert auf die Feststellung, daß diese Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Historischen Museum in Moskau entstanden ist. Vor 1990 wäre eine solche Kooperation kaum denkbar gewesen. Bei aller Freude über diese Zusammenarbeit gibt es Anlaß, das Ergebnis in einigen Punkten kritisch zu beleuchten:

Zum Thema Kriegsgefangenschaft im 2. Weltkrieg wird der deutschen Seite die schreckliche Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen vor Augen geführt: Von 5,7 Millionen Gefangenen starben 3,3 Millionen - mehr als 50 %. Dem westdeutschen Bürger war zuvor nur das Los der deutschen Gefangenen in Rußland bekannt: 20 bis 25 % überlebten die Kriegsgefangenschaft nicht, allerdings in einer Zeit, als auch die Sowjetunion selbst von Hungersnot geplagt war.

Das Thema der deutschen "Spätheimkehrer" wird angesprochen, allerdings ohne das entscheidende Faktum zu benennen: Diesen Gefangenen war von der Sowjetunion die Beteiligung an Kriegsverbrechen vorgeworfen worden - ein Vorwurf, der angesichts der bekannten deutschen Untaten sicher nicht aus der Luft gegriffen war. Wenn auch im Einzelfall die konkrete persönliche Schuld des Einzelnen vielleicht nicht bewiesen sein mag, kann man die Spätheimkehrer nicht pauschal in die Opferrolle stecken, wie das zu Konrad Adenauers Zeiten geschah. In diesem Punkt bleibt also die Ausstellung bemerkenswert unkonkret.

Ähnliches kann zum das Thema "Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone" festgestellt werden. Über 100 000 Personen waren zwischen 1945 und 1950 durch die sowjetische Besatzungsmacht interniert, wobei die ehemaligen KZs Buchenwald und Sachsenhausen als größte Haftorte Verwendung fanden. Die schwammige Aussage, hier seien "NS-Belastete wie auch Unbelastete" inhaftiert gewesen, gibt jener Geschichtsklitterung Raum, welche die Internierten pauschal als "Opfer der kommunistischen Diktatur" darstellen und KZs und Internierungslager auf eine Stufe stellen möchte. Zur sachlichen Einordnung in den historischen Zusammenhang hätte z. B. auch ein Hinweis gehört, daß auch die Westmächte in ihren Besatzungszonen Nazis und Kriegsverbrecher internierten und dafür praktischerweise ebenfalls die ehemaligen KZs benutzten (die Briten Bergen-Belsen, die Amerikaner Dachau). Der wichtigste Unterschied in der weiteren Behandlung dürfte gewesen sein: Während die Westmächte entsprechend den neuen Prioritäten im Kalten Krieg bald nach der Methode "Schwamm drüber" verfuhren, übergab die Sowjetunion 1950 ca. 5000 Gefangene an die Justiz der gerade gegründeten DDR mit dem Auftrag, diese abzuurteilen.

Ein peinliches Thema ist der sogenannte Kunstraub. Bald nach der "Wende" glaubte der zeitweilige Außenminister Kinkel, die Sowjetunion zur Herausgabe der "Beutekunst" nötigen zu können. Die Duma schob diesem Begehren einen Riegel vor. Die Ausstellung stellt richtig dar, daß die deutschen Aggressoren die Sowjetunion auch bezüglich Kunstgütern planmäßig ausraubten, also den gescholtenen Frevel begonnen hatten. Ebenfalls wird festgehalten, daß die Sowjetunion die nach 1945 in die Sowjetunion verbrachten Kulturgüter zum größten Teil Mitte der 50er Jahre an die DDR zurückgab (Nach hier nicht zitierten Zahlenangaben ca. 80 %). Nicht erwähnt wird das Faktum, daß die verbrachten Kulturgüter keineswegs aus den Museen geraubt worden waren, sondern daß diese zwecks Schutz vor dem Bombenkrieg in Bauerngehöften und Bergwerken provisorisch ausgelagert waren, wo sie unmöglich länger verbleiben konnten, ohne Schaden zu nehmen. Die Ausstellung faßt ihr Fazit in folgender zitierenswerten Formulierung zusammen: " Die Rückgabe der im Krieg erbeuteten Kulturgüter gehört heute zu den schwierigsten Problemen in den deutsch-russischen Beziehungen" - unverbindlicher geht es kaum. In der deutschen Öffentlichkeit wird nach wie vor ignoriert, mit welcher Begründung die Duma die Herausgabe verbot: Die noch in Rußland befindlichen Kulturgüter werden als Kompensation für die russischen Kulturgüter angesehen, die durch deutschen Raub und Zerstörung unwiederbringlich verloren gegangen sind. Diese - doch immerhin bedenkenswerte - Argumentation sollte in Deutschland zumindest zur Kenntnis genommen werden. Es ist ein Versäumnis, daß die Ausstellung hier nichts zur nötigen Kommunikation beiträgt.

Die Gleichsetzung von Hitler und Stalin folgt dem üblichen Propagandaschema , dem sich wohl auch das heutige Rußland ganz gern hingibt. Dem neuen deutschen Staat sollte man allerdings diese Sichtweise der Geschichte (siehe die übliche Totalitarismus-These) nicht durchgehen lassen. Mögen die Russen ihre Geschichte aufarbeiten - für die deutsche Geschichtsschreibung muß immer daran erinnert werden, daß Hitler mit Hilfe des Großkapitals und der bürgerlichen Parteien an die Macht kam. Die Ermächtigungsgesetze wurden mit den Stimmen von deren Reichstagsabgeordneten verabschiedet, unter anderem mit der Stimme von Theodor Heuss, dem späteren Bundespräsidenten. Hier windet sich das Bürgertum in bekannter Weise aus der Verantwortung für das Dritte Reich heraus und möchte sich gern als Opfer sehen. Es wundert nicht, wenn sich diese Sicht der Geschichte auch in dieser Ausstellung widerspiegelt.

Mit Bildern von Schröder bei Putin endet die Ausstellung. Ausgeklammert bleibt das Schicksal derjenigen Deutschen, die vor 1990 die Freunde und Verbündeten der Russen waren. Die Auslieferung des deutschen Kommunisten Honnecker durch den Ex-Kommunisten Jelzin an die (west-) deutsche Justiz, die stellvertretende Verurteilung ehemaliger DDR-Verantwortlicher für die Durchführung von gemeinsamen Beschlüssen des Warschauer Paktes (vielleicht besser gesagt: von Befehlen des "Großen Bruders") - dieses Kapitel belastet nicht nur die innerdeutsche Aussöhnung, es bleibt auch ein peinliches - und deshalb wohl ausgespartes - Kapitel der neuen deutsch-russischen Beziehungen. Die russische Seite bleibt aufgefordert, in der Beziehung zu den neuen deutschen Freunden nicht nur - ökonomisch bedingten - Pragmatismus walten zu lassen, sondern sich auch der ehemals Schutzbefohlenen zu erinnern.

Bei aller dieser Kritik muß man die Ausstellung als einen Fortschritt in den deutsch-russischen Beziehungen ansehen. Bei einigen Themen dominiert jedoch noch die (west-) deutsche Sichtweise, und es schimmern die alten Propagandathesen des Kalten Krieges durch. Wer gerade mal in Bonn ist, sollte sich ein bis zwei Stunden Zeit für diese Ausstellung nehmen.

Ulrich Steinmann

Haus der Geschichte, Museumsmeile, U-Bahn-Haltestelle Heussallee. Öffnungszeiten: Di-So 9-19 Uhr; zu sehen noch bis 12.04.04. Eintritt frei


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