Der geprobte Atomare Erstschlag:
"Exercise! Exercise! Exercise!
Der Erstschlag hat begonnen!"

WINTEX/CIMEX-Übungen in der Dienststelle Marienthal, dem Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes.

Hintergrundbeitrag für einen Dokumentarfilm, der am 26.10.02 im WDR-Fernsehen bei "hier und heute unterwegs" mit dem Titel: "Codename ´Rosengarten´" gezeigt wird über den ehemaligen atomsicheren "Regierungsbunker" in Dernau/Marienthal ca. 30 km von Bonn.

Obgleich die Vorgänge zwei Jahrzehnte zurückliegen, haben sie anläßlich der Bedrohung eines Krieges gegen den Irak, wo der Einsatz von Atombomben nicht auszuschließen ist, eine makabre Aktualität.

Nach den FALLEX-Manövern Anfang der 70er Jahre erinnere ich mich ganz konkret an zwei Wintex-Manöver, und zwar 1979 und 1986. Die Informationen erhielt ich von meiner Quelle Egon Streffer, der mit mir 20 Jahre den Planungsstab des BMVg (Bundesverteidigungsministerium) für den Militärischen Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee (Mil-ND der NVA) aufgeklärt hat. Für die Weitergabe der Planungen und Auswertungen u. a. der Wintex-Cimex-Manöver bin ich verurteilt worden. Das OLG Düsseldorf hat mir mit Beschluß gestattet, aus meinem Urteil zu zitieren.

Die Wintex-Manöver fanden in der Regel alle zwei Jahre statt. Einmal wurde auf Grund der politischen Schönwetterlage das Manöver ausgesetzt. Zwischen den Wintex-Manövern fanden die kleineren Cimex-Manöver statt. Es gab einen Hauptkrisenstab vom BMVg. Die vertretenden Ministerien hatten eigene Krisenstäbe. Vertreten war außer dem BMVg das Auswärtige Amt, Innenministerium, Landwirtschaft und Forsten, Finanzen, Wirtschaft, Bundestag und Bundespräsidialamt. Ich schätze je Ministerium 25 Mitarbeiter und das BMVg 50-60 MA bzw. Militärs. Bei herausgehenden und hereinkommenden Meldungen wurde ein "Üb" vorangestellt. Also an "Üb" BMVg ... Außerdem nahmen Mitarbeiter des BND und des MAD an den Übungen teil. Mit den Versorgungsstäben dürften bei einer Übung ca. 600 Menschen in dem Tunnel gewesen sein.

Es gab eine "Bunkerzulage", die das Gehalt für den dreiwöchigen Einsatz verdoppelte. Das Gefühl war wie in einem U-Boot. Es kam vor, daß Mitarbeiter "durchdrehten" und herausgelassen wurden. Der Ernst des Atomkrieg-Spielens war den meisten nicht wirklich bewußt. Sie betrachten das eher als anstrengendes, aber doch einträgliches Spiel.

Wintex ´79, Angriffsziel Balkan;
Taktik mit Hilfe der Geheimdienste:

Wintex ´86, Angriffsziel Sowjetunion;
Taktik mit Hilfe der Geheimdienste:

"Exercise! Exercise! Exercise!
Der Erstschlag hat begonnen!"

So wurde der ausgebrochene Atomkrieg den Stäben mit chiffriertem Funk mitgeteilt.

Es gab auch Verlustmeldungen. So wurden fünf Transall-Maschinen vom Feind mit SS-20-Raketen abgeschossen und 300 Mann Verlust gemeldet. Die Luftwaffe und konventionelle Truppen rückten dann nach.

Die Einschätzung, daß bei einem Atomkrieg Europa vernichtet sein würde, wurde realistisch dargestellt. Das Wintex-Cimex-Material konnte im Warschauer Vertrag zur Einschätzung der Lage und somit zur Entspannung beitragen. Ob sich auch Sheriff George W. Bush davon beeindrucken läßt, ist zu bezweifeln. Die NATO-Doktrin des Atomaren Erstschlags ist nach wie vor in Kraft und der US-Präsident kann jederzeit den "roten Knopf" drücken, um an jedem Punkt unserer Erde Tod und Vernichtung herbeizuführen.

Da die Koexistenz der Blöcke durch den Zusammenbruch des Warschauer Vertrages nicht mehr existiert und die NATO keinen Gegenschlag mehr fürchten muß, ist die Gefahr eines Atomkrieges heute bedeutend größer als vor zwanzig Jahren.

Dieter Popp
12.08.02


zurück